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Paris im März 2012

Küssen verboten
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Kaum schlagen die Bäume und entdecken ihre Triebe, da tun es ihnen Tauben, Hunde und Menschen nach. Kein Zweifel, der Frühling kommt mit mächtigen Schritten. Auf den Boulevards tummeln sich Touristen und Liebespärchen. Man küsst sich ungeniert, denn in der Metro ist es verboten. Echt wahr. Wer sich dort unten küsst, muss 50 Euro bezahlen, wenn er sich erwischen lässt. So sitzen sie außerhalb der Bars und Pubs  und genießen die Keramik- und Gasbrenner über ihnen. Dem Umstand, dass man in Gebäuden nicht rauchen darf, verdanke ich, dass man es auf den Trottoirs nicht ohne Zigaretten schafft. Alleine beim allabendlichen Sprint zum Hotel inhaliere ich eine halbe Stange. Filterlos, versteht sich. Am 15. März dann endlich durchbricht Paris endgültig die 20 Grad Schallmauer. Man erkennt die Jahreszeit auch daran, dass an jeder Ecke Leute stehen, die verzweifelt in einem Reiseführer blättern, um rauszukriegen, wo zum Himmel sie eigentlich sind. Auf den Tischchen der Bistros liegen kleine Stadtpläne, wie sie in den Hotels verteilt werden. Und die Etablissements sind voll, was aber nicht nur am Wetter liegt! Ich habe mich immer gefragt, wieso ausgerechnet in Paris abends kaum ein Platz in den Restaurants zu haben ist. Der Grund ist einfach. Die Wohnungen lassen die Zubereitung und den sofort daran anschließenden üblichen Genuss eines ordentlichen Diners nicht immer zu. In der Tat sind die meisten Buden winzig. Meist bilden Küchenzeile (zweiflammig), Ess-, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, Badewanne und Klo nebst Diele eine einzige Einheit. Ein Kollege erzählte mir voll stolz, dass er umgezogen sei. „Aha, und wohin?“ „Ach, nur eine Straße weiter.“ „Und die neue Wohnung ist größer?“ „Oh ja, und ich bin jetzt näher an der Metro.“ „Das ist gut. Wie viel Zimmer hatte denn das alte Appartment?“ „Eins natürlich.“ „Oh und jetzt sind es zwei?“ „Zwei? Hey, machst du Witze? Wir beide arbeiten in derselben Firma.“ „Verstehe. Aber um wie viel ist es denn geräumiger?“ „4 Quadratmeter.“ „Uih!“ „Ja, nicht wahr?“ Ich hake nicht nach, sonst müsste er zugeben, dass das wahrscheinlich ein Balkon ist. Immerhin wohnt er direkt am Montmartre, unweit von Sacré Coeur und kann am Wochenende die Touristen sehen, die sich die Treppen hinaufquälen, um oben abgehetzt und verschwitzt ein Erinnerungsbild mit ganz Paris als Panorama zu knipsen. „Na ja, so dicht wohne ich dann doch wieder nicht an der Kirche.“ „Sondern?“ „Drei Straßen weiter.“ Selbstverständlich habe ich exakt recherchiert, wie es für einen Reisereporter unerlässlich ist. So bin ich inkognito hin, um mal auszuspionieren, ob auf der Klingel sein Name steht. Eins vorweg, auf keiner Klingel steht ein Name. Nahezu alle Pforten sind mit einem Codeschloss gesichert. Klammheimlich stelle ich mir vor, wie hinter der Tür eine neuzigjährige Concierge lauert: „Was wollen Sie?“ „Zu Madame Dubois“ „Sie? Zu der? Die wohnt allein.“ „Ich weiß, aber darum bin ich ja nicht ...“ Rumms, ist die Tür zu und eine wütende Stimme brüllt: „Das ist ein anständiges Haus!“ Ich bedauere, dass diese Gattung von Beruf am Aussterben ist. Gnadenlos ersetzt durch programmierbare Tastenschlösser. Nun, ich jedenfalls war dort, die angegebene Wohnung ist unmittelbar über einem Textilhandel, der Millionen von Stoffbahnen in seinem Lager gestapelt hat. Der Blick geht einzig auf eine schmale Kopfsteinpflasterstraße. Aber in einem hat er recht: Er kann sich über Touristen amüsieren, denn wer hier auftaucht, hat sich garantiert verlaufen. Überhaupt ist das mit den Parisern so eine Sache. Man weiß nie, wo man dran ist. Entweder lebt der waschechte Pariser in der Banlieue, also außerhalb oder im Zentrum, ist dann aber zugezogen: ein Fremder, ein Zugereister, ein Alien, ein Verräter! Obiger Arbeitskollege stammt aus der Provence, hat in Montepelllier studiert und zuerst in Toulouse gearbeitet. Eine Kollegin sei aber tatsächlich in Paris geboren, ist jedoch jeden Tag 90 Minuten mit der Err-Öh-Err unterwegs und dann noch mal Metro. (Die Zeit der Metro gilt nicht und wird in die tägliche Anfahrt nicht eingerechnet!) Das erklärt auch den gehobenen Bildungsstand der Pariser. Man hat mehr Zeit zu lesen und sich weiterzubilden. Was für uns im Grunde eine Zumutung darstellt, gilt hier als Glückfall: weniger als eine Stunde zur Arbeit. Dieses Privileg geniest Isabelle, eine nette Programmiererin: „Ich habe genau 55 Minuten.“ „Oh, 55 Minuten U-Bahn?“ „Nein, Zug bis zum Gare du Nord.“ Ah ja, und dann noch mal 20 Minuten mit der Metro. Aber wie bereits erwähnt, die Metro gilt nicht. Das ergibt sich automatisch. „Ah, und wo wohnst du genau?“ „In Le Havre.“ „Ähm, das ist aber nicht mehr Paris!“ „Nein, ich fahre jeden Tag mit dem TGV. Das sind 200 Kilometer von hier!“ So ist das. Und wenn es morgens dann heller wird, macht es noch mehr Freude. Zum Glück gibt es Ende März für sieben ganze Monate die Sommerzeit, sodass wir endlich wieder im Dunkeln reisen dürfen! Nun bin ich ein kleines bisschen vom Thema abgekommen. Fahren wir also dort fort, wo ich aufgehört habe. Abends jedenfalls sitzt man im Bistro oder wandert Hand in Hand mit seiner Liebsten über die Trottoirs und küsst sich dort innig, wo es noch erlaubt ist. Einer der Gründe, warum es zudem witzlos wäre, sich in der Metro seiner Liebe öffentlich zu bekennen ist zweifellos das Fehlen jeglicher Shoppinggelegenheit unter Tage. Bis auf unerwünschte Musik oder die Geschäfte, die man dort an den Wänden verrichtet. Bah! Denn wer so herum turtelt, hat auch umgehend einen indischen Rosenverkäufer an der Hand. Er hält einem sein Sortiment von ausgesuchten Einzelblüten unter die Nase, dass es jeden Allergiker freuen dürfte. Auf dem Weg von der Arbeit zum Hotel kommen mir gleich sechs entgegen, alle mit Abstand. Eines Abends hinke ich hinter einem her. Er ist wenige Meter vor mir und haut jeden an. Begegnet er einem Konkurrenten, werden giftige Blicke ausgetauscht. Offenbar ist das Leben als Blumenverkäufer nicht so einfach, denn er bringt keine Rose an den Mann, der eine Frau an seiner Seite abgeschleppt hat. Dann aber naht sich die Wende seine Schicksals. Ein junger Bursche stoppt ihn, sucht eine Rose und kauft. (3 Euro). Nun das ist ja geschenkt, wenn man bedenkt, welchen weiten Transportweg diese zum Sterben verurteilte Pflanze hinter sich hat. Und dann geschieht das Unfassbare. Er überreicht die Rose ... einen MANN! Er schenkt sie seinem Freund, der ihm dafür voller Liebe auf den Mund küsst. (Zungenkontakt inklusive! Wau, das wird eine Nacht!) Mein Blumenverkäufer aus Indien, Nepal oder was weiß ich woher, stutzt. Dann ändert er schlagartig sein Vertriebskonzept. Nun haut er Männerpärchen an. Und mir fallen die Augen aus dem Kopf. Ich muss mitten in einem Schwulen- und Lesbenviertel sein. Erstaunt sehe ich mich um. Das ist mir bisher gar nicht aufgefallen. In den Bistros sitzen Männer- und Frauenpaare. Oh. Nun weiß ich auch, warum es hier so friedlich ist. Dort, wo Männlein und Weiblein an einem Tisch dinieren, muss es sich zwangsläufig um Touristen handeln. Da braucht es auch keinen winzigen Faltplan als Beweis. Leider hat mein Hotel die Marke geändert. Es ist nicht mehr länger ein Feiertags-Gasthaus, sondern gehört nun einer konkurrierenden Gruppe an. Ich entdecke das morgens beim Check-out, als auf der Rechnung ein anderer Name steht. „Seit dieser Woche heißen wir Pavillon. Wir sind nun unabhängig. Selbstverständlich behalten Sie weiterhin alle Vorteile, wie Zimmerupgrade.“ Klar, nur gibt es keine Punkte mehr, verschwunden ist zudem das kostenlose Internet, die Tageszeitungen und das complimentary Evian-Wasser. Gut, das schmeckt wie sieben Woche unter einer Wüstensonne gelagert, Kamel inklusive. Aber da auch ich ein Wulff in einem Gauckpelz bin und schließlich in jedem von uns ein bisschen Wulff steckt, nimmt man das nicht so ohne weiteres hin! Nun, das ist eine böse Überraschung, verlangt meine Firma doch, dass wir nur Hotels von einer bestimmten Sorte buchen. Das Beraterpack muss gezielt gebündelt werden. Bloß keine eigene Initiative oder gar Privilegien! Wo kämen wir denn da hin, wenn es uns draußen in der freien Wildbahn mal gut gehen würde? Wenn wir mit Spaß reisen und in einer Stadt die Freuden der ERGO - Versicherung genießen könnten! Hach, was reg ich mich wieder auf. Wo sind meine Herztabletten? Ach ja, da, Moment, es geht gleich weiter. So. Noch bin ich allerdings in meinem Lieblingshotel. Hier kenne ich alle Macken, fast alle Gästezimmer, weiß, wo das Klo automatisch spült und in welchem Zimmer welches Licht nicht brennt. Ich kenne die Tücken aller Steckdosen und Vorhänge. Ich weiß, wo man im Winter nachts mit geöffnetem Fenster schlafen muss, weil die Heizung nicht abgeschaltet werden kann und wo man das im Sommer machen muss, weil die Klimaanlage den Raum mit der Minibar verwechselt. Und natürlich, wo die Dusche morgens zwei Minuten braucht, ehe sie warm wird (WARM! Nicht HEISS!) Ich weiß, welche Wände so dünn sind, dass man die Decke über beide Ohren stopfen muss, um wenigstens ein bisschen Ruhe zu haben und wo die Küchendämpfe ins Badezimmer geleitet werden. Ich kenne die Marotten des Aufzuges und finde jede Zimmernummer inklusive Notausgang blind, da bereits mehrfach erprobt. (Echt wahr, hab ich davon berichtet? Nachts? Feueralarm? Ich glaube schon.) Und das alles soll nun vorbei sein? Demnächst werde ich das erneut herausfinden müssen, eine Entdeckungsreise der besonderen Art. Ah, mir geht es schon besser. Was wollte ich eigentlich schreiben? Da war doch noch was? Ah ja. Als ich abendlich meine Milch (für den Frühstückskaffee), mein Wasser (muss sein) und noch was Nettes zum Abendessen kaufen will (Chips oder Kekse, Schokolade oder Nüsse oder sonst was Gesundes), werde ich Zeuge einer der 5 Millionen Verkehrsunfälle, die auf den Straßen Paris jeden Tag unweigerlich passieren. Wieder mal. Das heißt, diesmal bin ich ein Knallzeuge. Ich habe also was gehört, aber nix gesehen. Vor einem Taxi liegt ein Motorroller. Ich laufe hin, natürlich nur, um euch, meine lieben Freunde, exklusiv vom Ort des Geschehens zu berichten. Als ich ankomme, ist der Motorradfahrer schon auf den Beinen. Er schimpft auf das Taxi und dann passiert es. Der Unfallgeschädigte zieht seinen Integralhelm aus und ... schlägt ihn voll auf die Windschutzscheibe des Taxis. Ich erlebe Live und in Farbe, was uns Carglas jeden Tag tausendmal einzureden versucht: Die Scheibe reißt, und platzt. Auch ohne Steinschlag und Schlagloch. Boah! Der Taxifahrer steigt aus und hat einen Zettel in der Hand. Ich denke, es ist besser, das Weite zu suchen. Wenn sie rauskriegen, dass ich Deutscher bin, bin ich schuld. Also weg. Ich kaufe meine Sachen, und als ich auf dem Rückweg bin, lehnen sich beide an das Taxi und rauchen eine Zigarette. Sie lachen und scherzen und ich höre so etwas wie: „Ist das dritte Mal für dieses Jahr.“ Ist ja auch schon März. Oha. Zwei Profis, offenbar. Und so kehrt Friede ein in Gallien, das bald ganz von deutscher Steuergeldern beherrscht werden wird. In Griechenland probt Frau Merkel nur für den Ernstfall.