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Paris im Mai 2012

Klein Tokio
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Der Frühling kommt zurück. Pünktlich am 15. Mai hat er mittags um 12 den Schalter umgelegt. Das kalt-nasse Wetter ist mit einem Schlag vorbei und das Thermometer klettert endlich auf Werte jenseits der 14 Grad. Sofort reagieren die Touristen und fallen in Scharen über das kleine Städtchen her. An allen Ecken und Enden warten sie, suchen verzweifelt in Stadtplänen die auf dem Kopf stehen und entschlüsseln Straßennamen, oder versuchen vergeblich die Systematik der Metro zu verstehen. An den Monitoren der U-Bahn-Eingänge kann ich mal wieder lesen, dass der Verkehr normal verläuft. Demnach bleibt die Metro öfter hängen und einige Streckenabschnitte sind gesperrt. Spannend wird es dann, wenn es heißt: »M3 zwischen soundso und dortunddort gestört, wegen eines technischen Defektes kein Verkehr, auf der gesamten Strecke kommt es zu Verspätungen«. Das ist witzig, denn es gibt keinen Fahrplan. Zumindest entzieht er sich meiner Kenntnis. Man steigt hinab in den Hades und nimmt die Erstbeste, die noch Platz hat. So einfach kann es sein. Auf den Anzeigen steht: nächster Zug 3 min, der darauf folgende 5 min. Gesteuert wird es durch Signale, wo sich die Metro gerade befindet. Man rechnet von Bahnhof zu Bahnhof eine Minute. Nix da mit Plan. Dennoch erlebe ich eines Morgens, was das heißt: normaler Verkehr! Ich hetze wie üblich gemütlich die breiten Treppen hinunter in den Untergrund und da steht sie schon, mit offenen Türen und wartet auf mich. Na also nicht wirklich, denn dieser Zug ist absolut voll. Also warte ich auf den Folgenden, kommt ja in 2 Minuten und wie hieß es am Eingang? »Traffic normale« Allerdings steht der Zug 10 Minuten und rührt sich nicht. Keine Durchsage, okay, das ist man von deutschen Zügen auch gewohnt. Dann 20 Minuten. Die Fahrgäste haben auf dem Bahnsteig keinen Platz mehr, sie stehen auf den Stufen der Treppenhäuser. Aber ich bin ja ganz vorne. Hehehe! Denkste. Der Zug fährt ab, der nächste kommt innerhalb von 30 Sekunden. Doch leider ist er brechend voll. Der darauf Folgende auch und so lasse ich 8 (!) Züge passieren, immerhin alle innerhalb von 45 Sekunden, wie auf der Perlenschnur aufgereiht. Neben mir macht sich eine Flut von winzigen Japanern breit. Wie eine Amöbe erobern sie das Terrain, heftig gestikulierend. Ja, hier fühlen sie sich wohl. Dann kommt wieder eine Bahn. Diesmal möchte jemand aussteigen. Zwei Damen von innen machen Platz, lassen die Passagiere hinaus und ... passen nicht mehr hinein. An ihrer Stelle steht ein gutes Dutzend grinsender Schlitzaugen und winkt. Ein Foto bitte schön. Die Damen sind empört. Sie werden auch noch gebeten, aus der Linse zu treten, schließlich wolle man Onkel Tschaujau im Fotoalbum haben und nicht diese Riesinnen! Eine Madame beschwert sich und ich bin erstaunt, dass ich die meisten Worte verstehe. Nun gut, es sind Schimpfworte und die behält man leichter. Schließlich sollten sie Vortritt haben, aber die Bahn fährt gnadenlos weiter, auch wenn sie sich so sehr beschweren. Dann nehmen sie halt die nächste. Nun erlebe ich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Pariser. Die Japaner werden am Betreten des Zuges gehindert, die beiden Damen hineingeschoben und ich gleich mit. Boa. Das ist eng. Dann doch lieber in einem Pulk Asiaten sein, die sind alle einen Kopf kürzer und ich kriege Luft. Hier drin schwelt das Aroma von einem guten Dutzend Aftershaves, davon hat mindestens die Hälfte bereits versagt. Außerdem herrscht das gesamte Sortiment von Douglas vor und wer weiß, vielleicht bin ich ja drin, um endlich rauszufinden. Zwei Bahnhöfe später ist Schluss. Ich ergebe mich, verlasse das öffentliche Transportmittel einen Halt früher und nehme einen Parallelzug. Das heißt, ich plane es, aber mir kommen alle übrigen Quälgeister zuvor. Erneut muss ich vier Bahnen ziehen lassen, ehe eine kommt, die völlig leer ist. Aber absolut leer! Entspannt steige ich und setzte mich sogar. Der Zug bleibt stehen, lässt die Türen offen und innerhalb einer Minute bin ich umringt von einer japanischen Invasion. Alles drängt sich im letzten Waggon. Da müssen sehnsüchtig vermisste Heimatgefühle aufkommen. Wollte ich eben noch genau so reisen, denke ich jetzt anders. Hier hat jedes Deo aufgegeben und es riecht nach dem, was im Grunde besser draußen geblieben wäre. Würg. Ich erreiche mein Ziel nach insgesamt einer halben Stunde. Immerhin, es sind ja auch fünf Stationen! Dass die Pariser und Pariserinnen eine besondere Affinität zu modernster Technik haben, darüber habe ich, so glaube ich mich zu erinnern, schon öfter berichtet. Aber wie weit das geht, erfahre ich an einem lauen Abend, als ich vom Hotel zum Einkaufsmarkt bummele, um mir meine obligatorischen Vorräte zuzulegen. Mitten auf dem Trottoir steht eine alte Dame. Hauchdünne Beine gucken o-förmig unter einem viel zu langen Mantel krumm hervor. Eine graue Tasche schleift fast auf dem Boden. Über den viel zu warmen Kragen fällt schneeweißes, dünnes Haar. Sie ist gute zwei Köpfe kürzer als ich. Da sie sich nicht bewegt, schaue ich mal vorsichtig nach, ob ich ihr helfen kann. Als ich auf ihrer Höhe stehe, sehe ich, dass sie ein I-Phone in der Hand hält und mit einem knochigen Daumen darüberwischt. Sie blättert vor und zurück, öffnet eine App nach der anderen und sagt dann in ihr Headphone mit der Stimme von Inge Meisel - die gerade versucht, nicht ihr Gebiss zu verlieren - auf Französisch: »Du hast mir eine E-Mail geschrieben.« Ich staune und ziehe die Augenbrauen nach oben. Ich tue so, als würden mich die Auslagen des Copyshops an der Seite interessieren. Ich wende mich pfeifend den bunten Mustern zu und lausche gespannt. »Ja, aber da habe ich keine Zeit. Warte man, am Donnerstag habe ich noch einen Timeslot, abends um acht Punkt eins fünf.« Sie sagt wörtlich »Timeslot« und »Punkt«. »Ja, gut, aber nur bis um halb zehn, da läuft ein Film im Fernsehen, den ich sehen will.« Ich glaube mich zu erinnern, dass der Name Jean Gabin gefallen ist. »Also dann, bis am Donnerstag. Und Edith brauchst du nicht zu fragen, ob sie auch kommen kann. Sie hat mir schon abgesagt, darum habe ich ja auch Zeit.« Nicht schlecht. So erlebe ich, wie bedeutend Technik im Alltag ist. Dieses kleine Ding hat etwas sehr wichtiges und ungemein Wertvolles getan. Es hat der Greisin in hektischer Zeit ein Stücken persönliche Freizeit geschenkt: einen Film am Donnerstagabend. Aber der war bestimmt schon lange in ihrem Kalender. Das alleine wäre nicht so auffällig, hätten am selben Abend nicht die Kommunikationsversuche einer südostasiatischen Reisegruppe in meinem Hotel stattgefunden. Sie haben die Fenster geöffnet und schreien sich über den Hof und über die Stockwerke an. Leute, das soll eine Sprache sein? Ich glaube nicht. So klingen wir nicht mal, wenn wir einen Weinkeller gelehrt haben! Offenbar haben sie aber Spaß daran oder nicht kapiert, dass man eine „1“ wählen muss, dann die Zimmernummer, das wäre leiser. Um Mitternacht hat jemand ein Einsehen. Ein Fenster nach dem anderen klappt zu und bald herrscht Ruhe. Dann geht der Fernseher neben meinem Zimmer an und dröhnt mich voll. Aber meine Rache ist geübt und sehr erfolgreich. Morgens um halb sechs lasse ich mein Handy klingeln (Demomodus Klingelton) und presse das Gerät so lange gegen die Wand, bis meine Nachbarn nebenan fluchen. Ich drehe mich im Bett um und genieße noch eine gute Stunde im Halbschlaf. Am nächsten Abend ist es erneut Zeit, meine Vorräte aufzufrischen. Also ab zum Supermarkt, der geöffnet hat von 8.30 bis Mitternacht, weil, so steht es geschrieben: Nach Mitternacht ja schon Morgen ist. Nee, was hab ich gelacht über diesen Spruch! Vor mir treibe ich wie ein guter Hirte seine Hammelherde die meinigen Schafe aus Japan her. Sie folgen einem hochgehaltenen Stab mit einer roten Fahne, der, da die Reiseleitung ebenso original japanisch ist, knapp über dem Boden schleift. Ich wusele mich durch die Reihen, schubse den einen oder anderen auf die Straße. Schade, kommen gerade keine Busse. Doch dann werde ich für meine sündigen Gedanken hart bestraft. Sie biegen ab: IN MEINEN SUPERMARKT! Das ist die Höhe. Ich dränge mich vorbei und entere als Siebter oder Achter das Geschäft. Aber ... jemand pfeift die vorauseilenden Kriegsameisen zurück und ... verteilt Einkaufskörbe. Jeder einen. Nein! Alles ist blockiert, der Eingang, der Ausgang und überhaupt alles! Der Mann von der Security schlägt sich auf die Stirn. Aber die Reiseleiterin, respektvoll »Shikisha« genannt, lässt sich nicht irritieren. Sie versorgt nun sogar die hinter mir Stehenden mit einem Korb. Aber ich bin eisern, ich schnappe mir einen, sage: »Kanshasuru«, ein Wort, das jeder Parisreisende dringend lernen sollte, und zwänge mich an den Heuschrecken vorbei. Aber ich habe keine Chance. Sie sind überall. Es gibt kein Durchkommen. Mir fehlt die Eselspeitsche. Nun denn. Ich gehe komplizierte Wege zum Wasser, zur Milch, zu den Nüssen und beeile mich, an die Kasse zu kommen. Zwei waren schneller und stehen vor mir, und ungefähr 18 Einheimische. Nun, dann warten wir halt. Ein älterer japanischer Herr nimmt jede Packung in die Hand, studiert die fremden Schriftzeichen, lacht sich was und stellt es wieder zurück. Eine Japanerin hat entdeckt, dass die Cola am Eingang viel teurer ist als weiter hinten, und nötigt ihre Kollegen, sofort die Flaschen zu tauschen. Ich wundere mich, da alles durch einen Barcode gescannt wird, da müssten die Colaflaschen an der Tür ja einen anderen Code haben. Hm. Nun will die Dame vor mir noch eine Freundin vorlassen, dann noch eine. Nun greift die Security an und meint, das Ende der Schlange wäre da drüben. Betrübt entfernen sich die Herrschaften, nachdem jemand es übersetzt hat. Völlig geschafft komme ich an der Kasse an. Eine Japanerin mogelt sich trotzdem vorbei und legt ihre Dose mit Cola auf den Tresen. Die schwarze Kassiererin schaut mich entsetzt an. Dazu muss man wissen, dass es eine Todsünde ist, sich an einer Pariser Supermarktkasse vorbeizumogeln! Was soll´s, wer weiß, wann ihr Bus abfährt? Ich zeige mich großzügig und lasse die weit gereiste Touristin vor. Aber sie winkt ihr Brut bei und dann bin ich Fünfter! Das passt mir nicht und ich weise sie in einwandfreiem Englisch zurecht. Der Mann mit der Aufschrift »Sécurité« sagt das zweite Zauberwort, dass man unbedingt beherrschen sollte: »Ahou!«, und dann: »Gsch! Gsch!« Ich sehe ihn verwundert an und er übersetzt: »Debil! Idiot!« Und ich verstehe. Ich bin an der Reihe. Ich hoffe, er hat nicht mich gemeint. Eine gute Sache hat das alles: Ich brauche nicht nach Tokio zu fahren. Hier ist es genauso! Tokio kommt zu uns! Und ich hoffe inständig, dass sich die japanischen Horden in Europa nur so verhalten, wie wir in Japan in einer geschlossenen Reisegruppe! Aber ich fürchte, wir sind schlimmer. Und denkt bloß nicht, ich hätte Vorurteile gegen Japaner. Im Gegenteil. Das sind keine Vorurteile, das ist alles echt!