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Paris im Herbst 2012

Von Halloween bis Advent
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Da ich im Oktober nur eine Woche in Paris war, gibt es die News aus der liebreizendsten Stadt an der Seine im Doppelpack. In der Tat darf man als Ausländer der Europäischen Union nur an 182 Tagen in Frankreich sein, sonst muss man neben der deutschen auch die französische Lohnsteuer zahlen. Dank dem Schengenabkommen muss ein Bundesbürger, der in Deutschland lebt, an mindestens der Hälfte des Jahres (365 / 2 = 182,5 Tagen, entspricht so ungefähr 183) außerhalb Galliens verbringen, sonst verliert er seinen Steuerbonus. Genauer, er erbt zusätzlich den des Gastlandes. Okay, ist kein Problem, bleibt man halt daheim. Dieses Jahr wird es eng, aber ich werde die 180 Tage nicht knacken! Jetzt, im November legt sich ein Scheinfriede über die Metropole der Touristen. Es ist erstaunlich warm und erst gegen Ende des Monats kommt die Kälte. Im Hotel ist die Klimaanlage ausgeschaltet und pustet nur heiße Luft. Ich muss das Fenster öffnen, um den Raum in einem mir angenehmen Temperaturbereich zu halten. Es ist meistens trocken und deutlich über oder um die 10 Grad. Das Schöne aber ist, dass die großen Busausflüge weniger werden und die Stadt in der Hand der einsamen Kulturtouristen ist. Man erkennt sie auf der Stelle. Überall, zu jeder Tageszeit. Alle diese Typen verkleiden sich mit demselben Kostüm. Äh, ich kann das nicht beschreiben, aber wer es sieht, weiß, was ich meine. Und die Taschendiebe haben leichte Beute. Perfekt vorbereitet stolpern die Ein- bis Zweitagesgäste tief in ihren Stadtplänen oder DuMont Reiseführer versunken über jeden Pflasterstein, knallen gegen die Laternenpfosten und warten schön bei Rot an den Fußgängerampeln. Einige Exemplare schaffen es, über den Rand des Stadtplans zu lugen und mit offenem Mund den architektonischen Wundern der Stadt gegenüberzustehen, meist mitten in einem Hundehaufen stehend. Auch die Eigenschaften, stets genau auf den U-Bahn-Treppen zu verharren und in einem billigen Plan zu suchen, den sie im Hotel geklaut haben, weißt sie absolute Parisneulinge aus. Wo zum Kuckuck sind wir hier? Ah, da, oder da? Inzwischen wurden sie von einer Meute wütender Bürger umringt und sanft hinaus geschoben, auch wenn sie hinein wollten. Sie lernen dabei aufmerksam ihre Lektion des Pariser „Pardons“. In der Tat müssen die Bewohner sehr arbeitsam sein. Keiner hat Zeit, alle hetzen, alle rennen. Wohin eigentlich? Nach Hause bestimmt nicht, die engen Kabuffs, die man Wohnung nennt, bieten keine wirkliche Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt. Ah ich hab‘s. Sie eilen zur Err Öh Err. Die RER-Schnellzüge bringen sie dann aus der Stadt raus. Weit weg. Dorthin, wo das Leben noch einigermaßen günstig ist und wo es mich an jedem Wochenende hinzieht: in die Peripherie der Millionenstadt. Quasi alles außerhalb von 5 Kilometern vom Eiffelturm aus ist „Periferique“. Nun, das kann ich verstehen, oder eher nicht, denn keine andere Stadt ist abends so bevölkert mit bunten Gesellen wie Paris, außer Berlin vielleicht, und München und Köln. Und keine andere Stadt ist morgens so leer, außer Berlin vielleicht, und München und Köln. Ich genieße es, in aller Herrgottsfrühe (also so gegen neun Uhr) durch die menschen- und autoleeren Straßen zu schlendern, noch einen Kaffee im Stehen und dann weiter zum Büro. Und nachts durch eine Menschentraube zurück zu meinem Hotel. So etwas kann mir keine andere Stadt bieten, außer Ber... ihr wisst schon. Während Halloween im Schaufenster noch Angst und Schrecken verbreitet, blinken bereits bunte Weihnachtsbäumchen in den Auslagen und drohen mit dem nahenden Konsumfest des Schenkens und Beschenktwerdens. Übergangslos geht man vom Horror eins auf den Horror zwei über. Und wie immer, am 22. November wird die Weihnachtsbeleuchtung an den Champs-Elysées angeschaltet. Dieses Mal darf eine Deutsche ran, Diane Kruger. Die weltbekannte umjubelte und extravagante 36-jährige Schauspielerin, die zuletzt in ihrem Film „Inglourious Basterds“ brillierte, darf eine Anlage in Gang setzen, die 1 Million Euro Stromkosten verursachen wird. Im Sommer gab es einen Aufruf an die Bevölkerung, Strom zu sparen und die Lampen in den Zimmern rechtzeitig zu löschen. Nun weiß man, warum. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich weder Frau Kruger, noch deren Film kenne. Aber egal, die Dame ist blond und allein das reicht für diese Ehre aus. Und dass es eine Landsfrau von mir ist, finde ich völlig okay. Schließlich, wenn wir schon die Verpflichtungen der Grande Nation am internationalen Kapitalmarkt bezahlen müssen, dürfen wir auch aufs Knöpfchen drücken. Apropos. Das ganze Land leidet, die Nachrichten sind voll, die Zeitungen sowieso: Frankreich hat etwas verloren, ein niedliches, kleines „A“. Das Schlimme aber ist, dass es das süße „A“ wohl nicht mehr wiederfinden wird. Auch hat Monsieur Hollande vergeblich darum gerungen, dass es einen gemeinsamen europäischen Fond geben solle, der das Geld leiht und an seine Mitglieder weiterreicht, zu den niedrigen deutschen Zinsen, was die Germanen dann auch zurückzahlen sollen! Die bösen Ratingagenturen haben Monsieur le Président beim Wort genommen und das öffentlich gemacht, was keiner glauben will: Nur Italien und Spanien haben eine höhere Arbeitslosigkeit, ein größeres Haushaltsdefizit und eine miesere Zahlungsmoral. Die Griechen zählen schon lange nicht mehr. Eine Tageszeitung betitelte jüngst Francoise Hollande als Max Baumgartner der Republik Francaise. Er ist im freien Fall. Noch nie hat ein Präsident so schnell an Sympathien verloren wie er. Und schuld sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Fernsehen vergehen keine 5 Minuten, ohne dass sich ein Experte zum Thema meldet und meint, er verstünde das alles nicht, die Franzosen seien der Motor des europäischen Wirtschaftsraumes, das Wunder der weltweiten Finanzkraft, die Hoffnung des Universums. Mit offenem Mund stehen sie vor einem Scherbenhaufen und wer es wagt, dagegen zu reden, dem wird das Wort abgeschnitten. Nun, vielleicht liegt das Problem ja genau daran, dass sie es nicht verstehen, meine ich. Die deutsche Schadenfreude über unsere Nachbarn wird nur kurz währen, dann sind wir dran, wetten dass? Kommen wir zu wesentlich wichtigeren Themen: An jedem dritten Donnerstag im November ist in Frankreich ein besonderer japanischer Feiertag. Man zelebriert den Tag des „Beaujolais nouveau“. Am Tag zuvor sind dutzende Jumbojets gestartet, den Bauch voll mit billigem Fusel, um ihm dem Asiaten anzudrehen. Zur mitternächtlichen Stunde platzen die Bistros aus allen Nähten und Nipponesen quillen hervor.(So der Bericht einer Arbeitskollegin). Sie prosten sich mit dem jungen Wein zu, der gerade mal ein paar Wochen alt ist. Immerhin ist er deutlich teurer als seine Genossen, die Prädikatsweine und Grand Crues, die 5 Jahre Lagerung hinter sich haben. Der wahre Pariser verabscheut dieses und hält sich fern. Was aber schwerfällt. Und auch ich konnte mich dem nicht entziehen und habe mit einem Bekannten an just jenem Tage mein winziges Gläschen für 3,90 Euro gebechert. Nur. Ich habe das überhaupt nicht gewusst. Das ist alles an mir vorbeigegangen, ohne dass ich davon Notiz genommen hätte. Erst der Freund machte mich darauf aufmerksam, in einem Bistro am Gare de L‘Est. Und so wurde ich ein Teil dieses Kults, wenn auch unbewusst und ja, es gibt bessere und preiswertere Weine. Aber die genießen keinen solchen Status. Wau. Parkplätze in Paris sind überall und es gibt mehr, als man glauben mag. Zum Beispiel das Zentrum einer Kreuzung. Eines Morgens, vor dem berühmten Kino Rex am Boulevard Montmartre: Ich sitze gemütlich im Café „Le Gymnase“ und staune über den Verkehr, der einfach nicht vorwärts will, trotz wütendem Gehupe. Ich kann es nicht fassen: Mitten auf der Fahrbahn steht ein weißer Lkw und ein kleines braunes Männchen lädt in aller Seelenruhe auf einer Sackkarre eine Kiste aus. Der Truck steht quer zur Hauptfahrtrichtung. Dazu muss man noch wissen, dass der Belag gerade aufgerissen wird. Man versucht sich zu arrangieren und an dem Ungetüm vorbeizumogeln, aber das klappt nicht für Autos, nur für Motorräder und selbst die blockieren sich gegenseitig, weil sie anstatt hintereinander, nebeneinander fahren möchten. Nur nicht aufgeben, immer schön der Erste sein! Ich höre eine Polizeisirene und entdecke das Blaulicht, aber es kommt nicht näher. An der Ampel steht ein Tieflader und kann nicht vorbei. Das kleine braune Männchen kommt zu seinem Wagen, ahnt den Schaden, den es angerichtet hat, und schließt die hydraulische Klappe des Lasters. Ist euch mal aufgefallen, wie quälend langsam das ist? Er fährt zurück, um dann um einen Bauzaun herum zu steuern und biegt in die Straße vor ihm ein, die anderen befreiend hinterher, nun auch der Tieflader. Der Krankenwagen und die Polizei können passieren. Am Polizeiauto ist die Beifahrerscheibe heruntergekurbelt und der Beamte flucht und schreit, jeden an, der nicht rechtzeitig auf den Bäumen ist. Doch doppeltes Pech. Genau nach der Straßenkreuzung riegeln zwei Hebebühnen die durch die Baustelle bereits eingeengte Straße ab. Die Leute oben haben sehr Wichtiges zu tun, sie montieren die Weihnachtslichter. In einer Stadt, in der nachts um eins die Müllabfuhr kommt, in der morgens um vier die Bürgersteige gekehrt werden, muss man natürlich im dicksten Berufsverkehr die Boulevards verstopfen. Und jetzt bemerke ich es, nicht der weiße Lastkraftwagen hat den Verkehr zum Erliegen gebracht, nach ihm ging es sowieso nicht voran. Das kleine braune Männchen ist fünfzig Meter weitergefahren und lädt nun in der engen Einbahnstraße seine Waren aus. Und wieder staute es sich in alle Richtungen. Der Polizist gibt entnervt auf und setzt sich auf seinen Platz. Endlich ist die Kreuzung frei, doch angelockt von dem Lärm nähert sich ein Bus, selbstverständlich voll Japaner. Bald ist Weihnachten, das Fest der Liebe.