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MAGIX

Paris im April 2012

Mona Lisa und schlappriger Pudding
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Der Sommer kam dieses Jahr im März. Die Sonne strahlt, die Menschen strahlen, das Wetter lacht, die Leute lachen, der Himmel ist blau und ich bin ... wieder in Paris. Doch der April hat eine böse Überraschung. Über die Osterferien ist es 4 bis 8 Grad und es regnet. Die 25 Grad des März werden nicht mehr getroffen. Fehlt nur der Schnee. Auf der ersten Rückfahrt am Bahnhof Paris Gare de l‘ ESt: Das Zugabteil teile ich diesmal mit einem Ehepaar älteren Semesters. Sie lesen viermal auf den Reservierungsschildchen und prüfen, ob das ihre Sitzplätze sind. Sie drängen sich gleichzeitig in das Abteil, zusammen mit zwei Koffern, natürlich geht das nicht gut und sie klemmen sich in der Tür ein. Aber sie schaffen es irgendwie, sich um das Gepäck zu winden und stehen dann vor ihren Plätzen. Die Dame muss aber erst noch mal kontrollieren, ob das wirklich stimmt, und drängelt sich hinaus. Ich werde nie verstehen, warum so mancher Reisender erst seine sperrigen Gepäckstücke in ein Kompartiment zwängt und dann sich selbst hinterher. Inzwischen hievt ihr Mann einen Schlafzimmerschrank auf die Ablage. Nachdem auch eine Reisetasche verstaut ist, geht es darum, die Mäntel abzulegen. Dazu muss man wissen, dass es in einem ersten Klasseabteil sieben Kleiderhaken gibt. Zum Glück ist einer schon durch mich besetzt, denn alle anderen werden ausprobiert. Nach wenigen Minuten hat man sich entschieden. »Häng deine Jacke lieber hierhin und ich meine dahin«, sagte sie resolut. »Na ich weiß nicht, da sehe ich sie ja nicht.« »Papperlapapp. Ich sehe sie doch.« »Ach so, ja dann hängst du deine daneben?« »Nee, lass mal, die passt besser hier.« So geht das noch fünf Minuten. Dann endlich hat man sich zurechtgerekelt. Aber erst muss sich die Dame noch einmal versichern, ob es wirklich ihre Plätze sind und um es gleich vorwegzunehmen. JA! Sie sind es. Noch steht der Zug! Nun wird das Essen ausgepackt. Sie überreicht ihm ein Baguette, zieht es entschieden zurück, reicht es wieder. Er versucht danach zu schnappen, aber es nutzt nicht, sie ist schneller. Sie vergleicht das zweite mit dem ersten und findet, dass jenes mehr Schinken hat als das andere. So wird ausgeknobelt, wer was bekommt, das heißt, sie gibt ihm das andere, oder doch nicht? Sie können sich nicht einigen und so welkt der frische Salat vor sich hin. Nun kommt auch noch der Schaffner. (Pardon: Zugbegleiter) »Eine Zeitung?« »Wie?« »Möchten Sie eine Zeitung. Zur Auswahl stehen Le Monde und die Welt kompakt.« »Nee lassen Se mal, junger Mann, wir hamm unsere schon am Bahnhof gekauft.« »Wie Sie meinen!« Auch ich bedanke mich. Habe ich mich doch schon vorher aus den blauen Taschen bedient. »Das jiebt et ja nich, jetza kommen Se schon in de Züche und wollen Geld.« »Die wäre kostenlos gewesen«, sage ich und sofort wird gezetert: »Heinrich, lauf ihm nach! Ick will de Bunte.« Tja, das wird nix, denke ich und er humpelt dann auch erfolglos zurück. »Hamse nich. Aber ne Bild?« »Nee, lass man, die kann ick och dehähm lesen.« Logisch. Dagegen ist nüschts zu sagen, wah? Der Zug ruckelt los. Und genau in diesem Augenblick muss der Herr auf den Flur. Eine Weiche nach der anderen, ehe man das Pariser Schienenlabyrinth verlassen hat. Wir schunkeln wie auf einer Schiffschaukel. Als es ruhiger wird, kommt er zurück. „Musste mir ma de beehne vertreten.“ Und dann lacht er über seinen Witz, den wahrscheinlich nicht mal er verstanden hat. Nun wird es ernst. Ach herrje: die Zugkarten. »Aber die happ ick dir jejeben«, beschwert sie sich. »Als ob de mir jemals was jibst.« Kein Zweifel, die beiden sind schon mindestens 70 Jahre verheiratet und kommen aus Berlin oder so. Die Dinger müssen in der Tasche sein, die noch vor wenigen Minuten mühsam auf die Ablage gewuchtet wurde. Inzwischen wird meine Fahrkarte begutachtet und hat den ultimativen Zugschaffnertest bestanden. Loch rein, fertig. Während er die Reisetasche durchsucht, findet sie die Karten in ihrem Mantel, der aber nicht da hängt, wo er hängen soll. Nun endlich kann der Zugführer abknipsen. Er wünscht uns eine gute Reise und verschwindet. Das Folgende kann man gar nicht alles mittippen, so schnell geht das. Sie reicht ihm den Fahrplan, bevor er danach greifen kann, zieht sie ihn mit Lichtgeschwindigkeit zurück und liest selbst. Er bedient sich mit dem Reisemagazin der Bahn. Als sie entdeckt, dass da mehr drinsteht als in dem blöden Reisefahrplan, spannt sie alle Federn. Ich höre förmlich, wie es knackt. Und dann passiert es. Ihr Gesicht wird spitz und spitzer und erinnert entfernt an eine Raubkatze. Wie eine Schnappschildkröte grapscht sie nach dem Magazin, reißt es an sich und drückt ihm im Gegenzug den Flyer in die knochigen Hände. Nach 200 Jahre Ehe wundert er sich über gar nichts mehr, auch nicht, dass er Sekunden auf etwas starrt, was mal zwischen seinen Händen war. Er lehnte in den Ledersitz und gibt sich genüsslich mit dem zufrieden, was ihm gereicht wird. Ganz so wie ein Hund, dem vom Festmahl ein Knochen zugeworfen worden ist. Er untersucht jeden Buchstaben auf Lesetauglichkeit. Nun kommt das Essen. Die beiden lehnen ab, bis der Kellner sagt, dass es im Preis mit drin ist. Das überrascht, hatte man sich am Bahnhof doch mit Baguettes eingedeckt, welche hastig versteckt wurden, als der Schaffner kam. Etwas zu trinken lehnen sie aber ab, sie haben ja Wasserflaschen dabei. Nun geht es ans Essen. Ich selbst komme kaum dazu. Da ich auf meinem Laptop, anstatt einen Bericht zu schreiben, die Situation im Abteil für die Ewigkeit konserviere. Aber mir gelingen nur ein paar Auszüge: »Datt kannste essen, Heinrich, datt schmeckt jutt.« »Datt ess ick nich, sieht aus wie doda Frosch.« (Es ist ein Salat aus Gurken und Paprika, mit Hartkäse bestreut. Echt lecker!) »Na dann, hier musste de Packung aufreißen.« Heinrich macht sich über das Hauptmenü her: Reis mit Hühnchenfleisch, natürlich kalt. »Dat is ja kalt!«, beschwert er sich. Wusste ich es doch. »Na, wegen dir machen Se det bestimmt nüscht warm.« Er nickt und akzeptiert seine Lage klaglos. Nach 500 Jahren Ehe ist das auch kein Wunder. Heinrich reißt. Aber es klappt nicht. Schließlich muss sie ran. Sie halbiert die Plastikpackung auf eine Art, wie es mir noch nie gelungen ist. Ich bin sicher, keines meiner Kinder brächte ähnliches zustande. Zum Glück hat man ja noch das Tablett. Aber bevor es ihm gelingt, das bisschen Huhn aufzugabeln, schrillt es: »Heinrich. Bitte wasche zuerst deine Finger.« Und diesen erhobenen Zeigefinger darf Heinrich nicht ignorieren. Frau Lehrerin ist ganz in ihrem Element. Ob‘s ihm nutzt, wenn ich sage, dass im Zugklo kein Wasser zum Händewaschen ist? Nee, das findet er selber raus. Und das tut er. Die Hände kleben voll Seife. „Keen Wasser nüsch, typisch französisch!“ Okay, fast getroffen. Wir sitzen in einem deutschen ICE. Jedes Mal, wenn er etwas essen will, fragt sie ihn irgendwas, sodass die Hälfte wieder aus seinem Mund herauspurzelt, weil er erst zeigt, dass er seine Lippen lieber geschlossen halten soll, sie ihn aber mit ihrer Methode der spitzen Lippen zwingt, zu antworten! Macht aber gar nix, ich bin sowieso auf Diät. „Weeste noch, de Mona Lisa?“ schwärmt sie, als sie ihr Mahl beendet hat. „HMHMHn.“ „Watt? Sach do Watt.“ „Hjfdmm ja. War nicht, hoppla, schlecht. Hu, jzza iss es aufm Boden.“ „De benimmst dich widda mal wie de letzte Mensch.“ „Hmmh...“ „Watt?“ „Ick, oh, wieder raus. ick sage, ick bin am Essen.“ „Na, vom Boden, wah?“ Es ist kaum zu glauben, aber der Lunch wird ohne allzu große Verluste beendet. So manches bleibt auf dem Boden verteilt, aber das meiste fand wohl den Weg in den Magen. „Meenste, wir kommen jemals wieda noch Parriss?“, fragt sie. Offenbar hat sie wesentliche Attraktionen verpasst. „Öch jöh. De Lehmanns haben jesacht, bis zum nöchsten möl.“ „Habense?“ „Ick denk schon.“ „Öch jö.“ Zu dem schmackhaften Imbiss gehört auch ein Becher mit Orangensaft. Der gnädige Herr kennt das nicht und öffnet es zaghaft. Dann beginnt er mit dem Löffel, die Brühe auszuschlürfen. »Ziemlich dünn, dieser Pudding«, meint er. Inzwischen putzt sie die Plastikschachtel sauber und wischt sie mit einem Taschentuch trocken. Nun finden auch die Reste des Baguettes darauf Platz. Der krönende Abschluss ist der Kaffee. Auch den gibt´s umsonst. Und so fragt man zuerst mich, da ich am weitesten von der Tür wegsitze. Ich bejahe und nehme mir die Milch und das Zuckertütchen von meinem Tablett. (Sollte ich erwähnen, dass die Dame die Abfälle auf dem Minitablett akkurat geordnet und im rechten Winkel angeordnet hat? Also auf dem ihres Mannes versteht sich, und zwar während er aß? Nee? Ja, erübrigt sich, denke ich auch.) Sie: »Einen Kaffee, ja, danke. Und mit zwei Milch und  zwei Zucker bitte. Oder besser drei Milch. Ach, nun sieh mal, er hat ja schon alles schon abgeräumt. Kann ich das Tablett meines Mannes noch mal bekommen, bitte?« (Oh, sie kann auch Hochdeutsch.) Service: »Kein Problem.« Sie: »So danke schön!« Sie rührt um. Service: »Und für die Dame?« Sie »Danke nein für mich nicht! Ich hatte erst am Bahnhof einen Kaffee!« So ist das also, wenn man so lange verheiratet ist. Schön. Da braucht man sich nicht mal den Kaffee zu bestellen und endlich mal eine Ehefrau, die genau weiß, wie ihr Mann den Kaffee trinkt! Und umgerührt hat sie auch! Die Dame putzt sich die Nase, und da weder ihre Hose noch ihre Bluse eine Tasche haben, steckt sie sich das Tempo in den Ärmel. Wann habe ich das zum letzten Mal gesehen? Das Alter hat doch mehr Erfahrung als unsereiner, ich hätte es in den Mülleimer am Fenster gesteckt. Er kommt zurück, pflanzt sich auf den Sitz und sieht die Kaffeetasse: „Seit wann trinste Kaffee?“, fragt er. „Iss für dicke, wah?“ „Ah!“ Er schlürft und verzieht seine Miene. „Boah, die kriegen aba och jar nüschts hin. Schmeckt ja, als wäre Zucker drin, boah.“ Ich darf erheitert das Wochenende genießen. Was für ein furioser Einstand. Eines ist sicher, sie haben beide diese Reise genossen. Und das ist das Wichtigste, finde ich. Wieder in Paris, im Regen und Hagel des typischen kontinentalen Frühsommers, fühle ich mich beobachtet. Man sieht mich an, tuschelt und steckt die Köpfe zusammen. In der Metro werde ich angestarrt wie einer vom Mond, manche gucken angestrengt vorbei. Habe ich eine Nudel auf der Stirn? Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken und beschäftige mich mit meinem Handy, tun alle anderen auch. Das Erlebte will mir nicht aus dem Kopf. Gleich am nächsten Morgen in der Metro dasselbe. Am Tag darauf wird es mir zu bunt. Diejenigen, die mich als Nichtpariser ertappen, sind teutonische Touristen auf Osterurlaub. Sie flüstern hinter vorgehaltener Hand. Am letzten Tag verstecke ich mich hinter einer Zeitung, die man hier nachgeworfen bekommt. Ah, interessanter Text, über die Metro in der Metro berichte ich vielleicht ein andermal, ist allemal einen eigenen Artikel wert. Aber das Getuschel hört nicht auf, und am Abend sagt einer sogar völlig schamlos: „Geschieht denen recht.“ Ich sehe erschrocken um mich, ja, kein Zweifel, er hat mich gemeint. Deprimiert erreiche ich mein Hotelzimmer und werfe meinen Stoffbeutel auf das Bett. Da trifft mich der Schlag. Wir Deutsche sind ja durchaus umweltbewusst. Keine Plastiktüten, nur Leinentaschen. Und die werden auch gerne als Werbeträger missbraucht, so auch meine. Ich hätte nie gedacht, dass man wegen dieser drei Buchstaben mal so schief angesehen wird. Sogar im Ausland! Unübersehbar prangern sie in einer Ecke, leuchtend blau mit gelben Punkten. Groß und auffällig wie ein Relikt aus besseren Tagen: FDP. Tja, Leute, ich kann euch verstehen.