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Paris im April 2011

Akkus auf’m Klo und Bahnsteigfeger
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Die Zugfahrt war wie üblich ein Genuss, wenn man genügend Reisedragees eingeworfen hat. Schaukelnd und schwankend fliegt der Zug über die Geleise, ist aber - wie meistens - pünktlich. Ich habe ausgerechnet: Bisher bin ich 10 Mal nach Paris gefahren. Einmal gab es eine dreistündige Verzögerung wegen des Eises und des Schnees! Als alter Statistiker und Nörgler muss ich daher leider konstatieren, dass die Bahn im Schnitt sehr unpünktlich ist. Na, das ist doch ein Thema für die Nachrichten: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Willkommen beim heute Journal. Wie soeben aus gewöhnlich halb unterrichteten Kreisen bekannt wurde, hat die Bahn bei den Fahrten nach Paris durchschnittlich eine Verspätung von beinahe 20 Minuten. Wenn Sie mehr zu diesem Thema erfahren wollen, oder über weitere News wie den Rücktritt Merkels, dem Asteroiden, der gerade auf die Erde zurast, dem in diesem Augenblick explodierenden Atomkraftwerk in Japan oder den Kriegen auf der ganzen Welt, dann schauen Sie gefälligst in Internet unter www.heute.de nach. Und jetzt kein Wetter, denn das finden Sie auch dort. Kommen wir gleich zu Maybritt Illner: Thema: Kein Schwein will zu mir bis auf ein paar Trottel! Freuen Sie sich auf eine konstruktive Krawallrunde mit Kerner, Lanz, Plaßberg, Pocher, Jauch und Maischberger, diesmal zu Gast bei Willi Anne. Da kein halbwegs normaler Hirni mehr zu diesen Runden kommen möchte - der nicht zufällig ein wichtiges Sachbuch veröffentlich hat und das ohne diese kostenlose Werbung im Regal verschimmeln würde - haben wir heute zudem alle Dschungelcamp Loser als Besucher eingeladen. Viel Vergnügen!“ So wird es bald sein, im trüben ZDF. (Habe ich erwähnt, dass ich im Hotel nur das Zweite empfangen kann? Nein. Dann dürfte dieser Einwurf meinerseits wohl unmissverständlich sein) Was wollte ich eigentlich schreiben? Ach ja: Ich bin wieder in Paris. Alles klappt, ich bin begeistert. Sogar das Wetter ist deutlich besser als die Vorhersage. Strahlend blauer Himmel empfängt mich und es ist angenehm warm. Die Metro ist wie immer voll und ich komme an keine Tür zum Einsteigen. Jedes Mal, wenn ich vorne an der Kante stehe, bin ich plötzlich letzter, sobald die Bahn einfährt. Eine ältere Dame zieht mich am Arm nach hinten und raunt verschwörerisch: „C‘est le balayeur du quai. Attendre!“. Ich krame in allen meinen Kenntnissen dieser ansonsten unbekannten Sprache und schaffe es nicht, es zu übersetzen. Auch der jetzt einfahrende Zug ist völlig überladen. Die Dame zieht mich erneut am Arm. Ob sie einen Euro will? Die U-Bahn spuckt genau so viele Menschen aus wie sie anschließend verschluckt. Vollgepackt macht sie sich quietschend davon. Wir bleiben einsam zurück. Madame entdeckt sofort, dass ich Deutscher bin, und unterhält sich mit mir über die Wahl in Baden-Württemberg, wo ihr Sohn lebt. Ich bin erstaunt. „Die Grünen, das geht nicht gut!“, sagt sie. Ich muss ihr insgeheim Recht geben, auch wenn ich das nie öffentlich zu sagen wage, so auch hier nicht. Ich will ja hipp sein. Aber sie zetert los: „Wie bei uns!“, schimpft sie. „Die Ökoextremisten machen absolut nix, warten ab und dann meinen sie: Das haben wir schon immer gesagt. Hätten die Japaner eine totale Nachrichtensperre verhängt so wie einst Frankreich über die Uranaufbereitungsanlage LeHague (Häh!?!??), wären diese Dummschwätzer nicht drangekommen.“ Ich versuche, den Willen des Wählers zu rechtfertigen und beginne mit Stuttgart 21, dem Guttenbergeklat und der Haltung zu den Atomkraftwerken. Guttenberg lässt sie nicht gelten. Das sei auch bei hierzulande üblich, dass die Damen und Herren Politiker ihre Doktorarbeiten verfassen ließen. In Frankreich könnten manche ja nicht mal zwei und zwei zusammenzählen! „Ihre Reden lassen die ja auch von denen schreiben, die Ahnung haben, N‘est pas?“ Ich sehe mit wachsendem Erstaunen auf die kleine Dame, die mit ihren guten 80 oder 100 Jahren so viel Anteil am Weltgeschehen nimmt. Meine Meinung, dass Baden-Würtemberg jetzt den Globus aus den Angeln heben wird, kontert sie mit einem heißerem: „HA! Warten Sie ab, bis die einen Mercedes fahren!“ Die Metro kommt und wir steigen ein. Der Zug ist vollkommen leer, wir finden sogar einen Sitzplatz in den normalen Reihen und brauchen uns nicht mit den Klappstühlchen an den Türen zu begnügen. Am Abend schließlich finde ich den Begriff, den ich den ganzen Tag gesucht habe. Madame hat recht. Die beiden überfüllten Bahnen waren die „Bahnsteigfeger“. Sie tauchen immer wieder auf, wenn am Gare ein Vorortzug seine Gäste ausspeit. Alle rennen zur Metro und drängeln sich, weil die Nächste ja erst in einer Minute kommt. Ich denke künftig daran, dass die folgenden Züge völlig leer sein werden. Entspannt werde ich dort ankommen, wo ich hin muss. Am morgen gehe ich pfeifend zur Untergrundbahn. Den berühmten Chanson von der Liebesmelodie dichte ich kurzerhand um, schleiche um die Ecken und bemitleide die armen Damen und Herren, die den „balayeur du quai“ nehmen müssen. „ratataaaa da da dam dim dam!“ Aber mir wird rasch klar, dass Michel Sardou auch einen genialen Song getextet hat und mir steigt sogleich eine andere Notenfolge aus dem Hirn in die inneren Ohren: Elle court, elle court, pour la balayeur du quai, Dans le cœur des enfants De sept à soixante dix-sept ans. Ja, das tun sie, sie rennen, um den Bahnsteigfeger zu kriegen, alle Kinder und Greise von 7 bis 77. Ab dann ist Schluss! Jawoll! Und mit dieser Zeit, in der ich trödeln und mich umschauen kann, finde ich meinen persönlichen Clochard. Im Laufe der Zeit habe mir einen eigenen Penner zugelegt. Jeden Morgen stecke ich ihm einen Euro zu und er steht jeden Tag am exakt selben Platz. Inzwischen freut er sich schon, mich zu sehen und winkt mir freundlich zu. Monsieur Mueller hat mich sofort als Deutscher erkannt. Auch er habe alemannische Wurzeln, wenn er auch diese Sprache nicht mehr spricht. Auf seinem Pappschild steht: „Ich habe Hunger!“ und als ich ihn das erste Mal gesehen habe, wollte ich ihn anpöbeln: „Na und? Ich auch! Stelle ich mich deshalb so an?“ Aber ich habe geschwiegen und dem älteren Herrn diskret einen Euro zugesteckt. Wäre ich ein Italiener, hätte er sich als Monsieur Gambetta vorgestellt oder Gustavson, würde ich dicke blonde Haare tragen statt kaum noch welche. Egal. Er lächelt und ich rette seinen Tag und er damit meinen. Ich glaube, er hat die Münze schon fest eingeplant. Wäre ich so unterwegs wie meine Mitmenschen, mit dicken Kopfhörern über dem Haupte, würde ich jedes Mal an ihm vorbeirauschen. Aber so ... Nach Wochen des Verwöhnens ist mir just heute, als er mir lachend seine 90 Jahre entgegenwirft, klar geworden, dass ich ihn nicht so einfach loswerde. Aber wenn ich mich bei der Arbeit ordentlich daneben benehme, darf ich vielleicht schon bald nicht mehr kommen, bis dahin schenke ich ihm jeden Tag einen „Café normal“ an der Theke. Dort kostet das Gebräu nämlich meist nur einen Euro, am Tisch gleich drei neunzig! Bien venu a Paris! Wie wichtig das Handy und mobiles Internetting ist, erläutere ich anhand eines klassischen und deutlichen Beispiels: Vor geraumer Zeit habe ich mich darüber amüsiert, dass ein Kollege mit seinem nigelnagelneuen Apple iPhone auf die Toilette gegangen ist. Natürlich kannte ich da nur die halbe Wahrheit. Als ich heute eine Kabine besuche, fällt mir ein Schild auf: „Sollte das Klopapier alle sein, dann bestellen Sie bitte umgehend über unsere Intranetseite Ersatz. Vielen Dank, ihr Service Team. www.a####.Fr/vos_services/maison/functionelle/t7485784775jhsdt66476##?Blup?=papier/ordre.html.“ Eine Telefonnummer suche ich vergebens. (Ich entdecke sie später auf einem ähnlichen Plakat über den Waschbecken). Oh mein Gott, und ich habe nur ein Handy ohne Internet, ganz normal. Aber zum Glück ist genug von diesem Material verfügbar. Die Rolle an der Seite hat einen Durchmesser von gut einem Meter und wird über einen Automaten und Motor angetrieben. Der Roboter gibt mir geduldig einige Zentimeter des wertvollen Zellstoffes. Na ja, es könnte etwas mehr sein. Also noch mal drücken und fauchend erhalte ich zwei weitere Blätter, sauber abgeschnitten, die durch die Gegend fliegen, weil ich sie nicht rechtzeitig aufgefangen habe. Sie schweben auf einem Luftpolster durch die Kabine und entschwinden unter der Tür, bevor ich mit kapriziösen Bewegungen sitzend danach greifen kann. Mist! Also noch mal gedrückt, aber eine Anzeige funkelt: „Attente, s.v.p!“ Ich warte anweisungskonform, bis sie erlischt. Großzügig teilt mir die Maschine zwei neue Rationen zu, dann blinkt es erneut. Das kann doch nicht wahr sein. Kennen die meinen Hintern nicht? Nach 20 Sekunden hört der Eletroheini mit dem Blinken auf und glimmt mich herausfordernd an: „Disposé“. Freudig spendet er zwei Zettel und nochmal, um dann boshaft zu verharren. Mir bleibt nichts übrig. Das heißt doch. Da ist ein Knopf an der Seite. Ich drehe daran und die ganze Front klappt auf. Ich sehe einen Hebel: „Manuel“. Das muss riskiert werden. Ich drehe an einer Feder, es macht ratschratsch und gute vier Meter schnellen aus der Öffnung. Das genügt. Ich schließe die Tür und zeige dem Automaten die Zunge. Ärgerlich murrt er und zurrt die Papierbahn zurecht. Den Schalter muss ich mir merken. „Déverrouillage d‘arrêt d‘urgence“ steht da und was immer das heißt, es bedeutet ein Stück Selbstentscheidung über meine persönliche Körperhygiene. Wenn das jeder macht, ist mir auch klar, wieso man mit dem Handy rasch Ersatz ordern muss. Gut, dass die Adresse da steht und ich hoffe, jeder Kollege hat sie unter seinen Favoriten abgespeichert. Das Abenteuer muss ich natürlich erzählen. Da erfahre ich, die Sch...-Dinger - im wahrsten Sinne des Wortes - laufen mit Akkus! Logisch, Strom in einer Klokabine wäre eine enorme Gefahrenquelle. Man stelle sich das vor: Ich sitze auf dem Klo, unschuldig pfeifend, direkt über dem Wasser, drücke einen Knopf und es zischt und funkt! Aua! Tja, und der Akku wird abends mit einem speziellen Kabel aufgeladen. Es war schon spät und drum war er etwas altersschwach. Ich überlege, was wohl passiert, wenn die Hightech-Lithium-Ionen Akkus völlig ausgepowert sind. Erstaunt erhalte ich die nüchterne Antwort: „Ja, hast du denn kein mobiles Telefon dabei? Da gibt es eine Intranetadresse! Moment, ich sende sie dir. Deine E-Mail-Adresse auf dem Blackberry?“ Ich habe keine schwarze Beere, sondern ein hundsgewöhnliches Uraltteil. Lassen wir das. Aber der liebe Freund versucht ununterbrochen stundenlang, diesen Link weiterzuschicken und schafft es auf meinen Laptop: „www.batterie-klo-spender-männer- flur 6-zweite-Tür-dringend-aufladen.fr.“ oder so ähnlich. „Das ist wegen der Hygiene“, meint mein liebenswerter Kollege. Ich erinnere mich an die Papiere, die durch die Luft segelten und ich male mir aus, wie die Bodenbakterien einer exotischen Toilette mitten in der Großstadt mit meiner Magenflora einen flotten Chachacha auf den Darm legen. Nein danke! Also den Läppi schleppe ich nicht mit, aber ich bedanke mich artig. Auf dem Heimweg stelle ich mir vor, wie ein freundlicher Hausmeister das Kabel unter der Tür durchreicht, ich den Stecker reinstecke und es zischt und funkt ... Am Abend schlage ich im Wörterbuch nach. Unter disposé finde ich: behilflich, willens, erbötig, geneigt. Ja, das ist das wahre Frankreich, wo man selbst auf dem Klo einem Papierspender anbetteln muss, bis dieser gütigst das tut, wozu er da ist. Oh Mann! Ich liebe diese Stadt.