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Paris im März 2011

Gisela und Horst
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Meine Lieben. Ich kann es nicht fassen, jetzt bin ich doch in der Weltmetropole Saarbrücken in den Zug eingestiegen, der anstatt nach Osten gen München nach Westen gen Paris schwankt. Knapp war es gewesen: Riegelsberg liegt an diesem Morgen unter Eis und guten 5 Zentimetern Schnee. Es gibt kein Fortkommen für das Taxi. Nach 17 Minuten (!) sind wir immer noch nicht am Marktplatz (aber schon 8,40 Euro, kein Witz!) Und noch nicht einmal auf der Hauptstraße in die Landeshauptstadt. Der Taxifahrer und ich vermuten, dass es durch das Glatteis einen Unfall gegeben habe oder der Gelenkbus, der vollbesetzt mit 4 Passagieren am steilen Ronnertweg die schmale 90-Grad-Kurve kratzen muss, weiter vorne das Eis poliert. Aber es ist - oh Wunder - nur die Ampelschaltung in meiner geliebten Heimatgemeinde. Es ist nicht zu glauben: 12 Ampeln auf 800 Metern bringen an diesem Wintermorgen den Autoverkehr völlig zum Erliegen. Nach der letzten Ampel ist alles frei! Bis dahin dauert es eine Dreiviertelstunde! Wahnsinn. Da ist ja die Deutsche Bahn schneller. (Bis auf die Stadtbahn, von der in dieser Zeit nur eine einzige fährt) Wir schlittern durch den Wald. Die Landstraße ist total vereist. Das ist auch nur wenig überraschend, hat der Wetterbericht gestern Abend ausdrücklich vor vereinzeltem Schneefall am Alpenrand gewarnt. Um 8.01 hetze ich auf den Bahnhof. Ich hatte alle meine Hoffnungen auf den Streik der Lokführer gesetzt und auf eine saftige Verspätung gehofft. Aber mitnichten. Um 8.02 (120 Sekunden zu spät) rollen wir Richtung Paris. Außer Atem erreiche ich meinen Platz. Wir sind pünktlich um 9.49 in Paris. Unterwegs dreht ein Fernsehteam eine Dokumentation. Zusammen mit Steffi Jones, einst unsere weltbeste Nationalfußballerin. Sie ist mit ihrem Pressetrupp nach Paris aufgebrochen und lässt sich dabei filmen und fotografieren. Nein, wie spannend. Am Gare l‘Est drängt sich der Kameramann rücksichtlos nach draußen, weil er ja aufnehmen muss, wie sie ehemals allerbeste Fußballerin Frau Jones aus dem Zug steigt. Ein Blitzlichtgewitter des mitgereisten Fotografen empfängt uns und Hunderte Journalisten werden darauf aufmerksam. Sie stürmen den Bahnsteig, entern die Betonpiste und ich schaffe es soeben noch, mich ohne Karatekenntnisse anwenden zu müssen, durchzuboxen. „Wer ist das denn?“, fragt jemand, als die absolute Ex-Topfußballerin einem kleinen dicken Mann ein Bussi auf die Backe drückt. Sieht aber auch komisch aus: In der Tat ist unsere mehrmalige Weltmeisterin gute 1,85 Meter und der Knirps nur 1,20 oder so. (Halt ein Typ Sarkozy) „Hey, zu mir, lachen, danke.“ „Jones wer?“ „Deutschland?“ „Was will die hier?“ In allen Sprachen überschlägt sich die Ratlosigkeit ob der prominenten jungen Frau. Damit hat sie sich eindeutig für das Dschungelcamp qualifiziert. Nur das keine Missverständnisse entstehen: Steffi Jones steckt alle Jungs von Yogi Bhagwan Löw allemal auch heute noch in die Tasche. Ich finde, es wird Zeit, dass die Damen das Regiment übernehmen und zum 3. Mal hintereinander verdienter Fußballweltmeister werden und man uns nicht damit abspeist, dass ein dritter Platz ein Riesenerfolg sei! So bitte nicht mehr: Meine Damen, Sie sind dran! Ich trete beiseite und lasse den Rummel auf mich wirken. Vielleicht könnte ich ja auch ein Foto schießen, aber der Akku ist alle. Na, dann kauf ich mir eben eine Zeitung. Ein bekanntes, stechendes Aroma hängt in der Luft. Dicke Rauchschwaden umhüllen die Jugendstilsäulen des ehrwürdigen Bahnhofs wie der sanfte Nebel einer Frühlingswiese, wenn die Sonne den zarten Frost der Nacht vertreibt und Dunstschleier elfengleich über die Auen huschen. Trüber Dunst verdeckt die Glaskuppel und filtert das Sonnenlicht auf magische Weise. Der Gare besitzt ein eigenes Klima. Ein Mikrokosmos sozusagen. Der Qualm hängt überall und sein Gestank reißt mich aus Claude Monets Bildertraum zurück in die Wirklichkeit. Es riecht eher nach verbranntem Feuerwerk denn nach einem allseitsbekannten Weichspüler. Wilde Trommeln dröhnen dumpf und ein Singsang hallt mir entgegen. In unverständlichen Lauten schallt es ähnlich wie: „Zickezacke Zickezacke hoi hoi hoi!“ Also doch ein Fußballspiel, denke ich oder das standesgemäße Begrüßungskomitee für die beste Fußballerin der Welt. Bevor ich abwäge, gebe ich lieber Fersengeld, genau in die Arme einer Vierer-Phalanx Flics. Ich weiche aus, umrunde den Kiosk mit der köstlichen Schokolade Richtung „bloß raus hier“ und muss zu meinem Entsetzen entdecken, warum die Heerschar der Reporter sich hier eingenistet hat: Man streikt! Aber wie! Da könnten die trillerpfeiffenden bundesdeutschen Bahner in ihren billigen gelben Säcken noch einiges lernen. Bedrohliches bengalisches Feuer in der gewerkschaftlichen Traditionsfarbe Rot weckt die Erinnerung an Silvester und den historischen Sieg der Sozis am Wochenende in Hamburg. Raketen steigen hoch und knallen durch die Bahnhofshalle, dass es eine Freude ist. In den USA hätte ich locker 127 Millionen Dollar an Entschädigungen verlangen können, weil mein Ohr piepst. (Ach, das tut es immer, muss aber keiner wissen). Ich rette mich in die Sicherheit des Hotels gleich gegenüber und checke ein. Die junge Dame am Empfang strahlt mich mit einem Grinsen von einem Ohr zum anderen an, so, als wäre ich der Fotograf für eine Zahnpastareklame. Sie begrüßt mich gewohnt höflich. So ist halt der Franzose zum Deutschen: „Bonjour Madame!“, sagt sie und es dauert, ehe ich kapiere, immerhin vor ihr! Offenbar war der Gang zum Friseur doch vergebens. Ich grüble, ob ich den Preis des modischen Kurzhaarschnitts einklagen kann. Sie bemerkt mein Erstaunen und korrigiert sich: „Oh Pardon, Monsieur!“ Es tut doch immer wieder gut zu beobachten, wie ein Gesicht puderrot anläuft. Man fühlt sich so erhaben, so überlegen (solange es nicht das eigene Spiegelbild ist). Sie entschuldigt sich noch auf vielerlei Art mit Händen und - für mich nicht sichtbaren - Füßen und endlich darf ich meinen Namen nennen. „Oh, Sie kommen aus Deutschland?“, fragte sie in meiner Muttersprache. Ich bejahe. Angesichts der Adresse ist es sinnlos, das zu leugnen. „Ich auch, ich mach grad ein Tränni Programm und spreche noch net so gudd Französisch.“ Ich lächele mild. Müsste sie das eben in Deutsch Gesagte niederschreiben, wäre es voller Fehler, scheint mir. Ihre teutonische Hochsprache lässt leider auch sehr zu wünschen übrig. So ist das heutzutage: Früher musste man 5 Sprachen beherrschen, um in einem Hotel zu arbeiten. Heute muss man 5 Sprachen sprechen, um ein Bett zu bekommen. (Quelle: Unbekannt) Ich bedanke mich für die Zimmerkarte: 704. Ich wusste nicht, dass das Hotel sieben Etagen hat. Im Aufzug muss ich es entdecken: Es gibt nur sechs Stockwerke! Ein schrecklichen Déjà vue zu meiner ersten Reise klettert gefährlich rasch meinen eiskalten Rücken hoch. Ich verlasse fluchtartig das Gefährt und frage nach: „Den linken, Nehmen Sie den linken!“ Gute Idee, aber es gibt nur einen Knopf zwischen den beiden und der rechts bleibt konsequent stehen, weil ich nur auf den Schalter ´“Rauf“ drücken kann. Ein freundlicher Herr (muss auch Saarländer sein, er hat Rasterzöpfe aus Jamaika, HAHAHA guter Witz, was? Jamaika - Saarland - Zopf ab? Nicht kapiert? Dann kann ich es nicht ändern) zeigt mir, dass es noch eine Kabine gibt, sogar mit einem eigenen Knopf. Noch Linkser. Aha. Aber auch hier dasselbe Ergebnis. Der Lift bis zur 6 öffnet nun ärgerlicher als zuvor mit einem lauten Dong Dong Dong seine statisch knisternden Pforten. Nach einer Minute wird es mir zu dumm. Ich haue im Lift alle Knöpfe rein. Mit einem gekonnten Hechter springe ich raus und sehe mit Freude, wie das Vehikel wütend seinen sinnlosen Job erledigt. Aber der Weg ist frei für den linksten Fahrstuhl. Knöpfchen gedrückt und da ist er schon. Ich steige mit einem unguten Gefühl ein und prüfe gleich, ob die 7 auch leuchtet. Sie tut es und klaglos katapultiert mich der Freefalltower nach oben. Mein Magen ist schneller angekommen als mein Kopf. Der hängt bedrohlich tief. Ich tröste mich damit, dass bei der Abfahrt zumindest statistisch alles wieder im Lot ist. Dann wird der Kopf vor dem Magen ankommen und ihn dadurch überholt haben. Egalité, sagen die Franzosen dazu. Ich erfrische mich in meinem Zimmer im siebten Stock. Aus dem Fenster sehe ich diesmal nicht den Eiffelturm, sondern Sacré Coeur. Die Kirche des heiligen Herzens der Jungfrau Maria zeigt sich mit seinem venezianischen Glockenturm in gleißendem Weiß, hinter Rauchschwaden marodierender Streikender, die erneut Böller abpfeffern. Die Meute der Protestler hat sich vor dem Haupteingang des Hotels auf der anderen Straßenseite versammelt und schreit ihre Parole in den strahlend blauen, sonnigen Himmel: „Zickezacke, Zickezacke! Hoi! Hoi! Hoi!“ Und unsere beste Fußballerin aller Zeiten seit Uwe Seeler ist mit ihrem Tross genau da reingerannt. Wie sie da rauskommt, wird das Fernsehen zeigen. Aber ... keiner achtet auf sie. Die Taxis ignorieren sie genauso wie ihre wartenden und fluchenden Fahrgäste, die Polizei patrouilliert so, dass sie nie etwas sehen kann (immer schön wegdrehen!), die Passanten hetzen vorbei wie eh und je. Nur der Ruf hallte durch die Stadt; „Zickezacke ...“ Ich schlendere ohne Gepäck zum U-Bahn-Schalter. Mist, diejenigen, die streiken, sind die U-Bahn Angestellten. Von den vier Fenetres de Service ist nur einer offen und die Schlange nimmt die Ausmaße der Ausharrenden auf die Taxen an. Ich stehe 10 Minuten, aber mit guter Unterhaltung. (Dass auf das „e“ von Fenetre ein Dach gehört, weiß ich schon, aber die dumme E- Mail macht daraus ein seltsames Zeichen, also lasse ich es!) Vor mir lungern zwei deutsche Touristen. Sie entsprechen genau der ARD-Zielgruppe fürs Werbefernsehen und der Apothekenrundschau. Ich habe mich entschieden, die beiden „Gisela und Horst“ zu nennen (Achtung Fußnote: Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg, S. 124ff, nicht dass es mir geht wie dem Herrn (Dr) von und zu Guttenberg!). Das Pärchen ließt aufmerksam einen Stadtführer und rücken mit ihren Rucksäckchen stets nach vorne. „Wie lange dauert das denn noch?“, klagt Horst (siehe: Hape Kerkeling, aaO) „Na, bis wir dran sind, mein Gott!“ Huch, die Antwort hätte ich auch geben können, eins zu null für Gisela (siehe: Hape ... ach, ich lass es jetzt. Ist ja schließlich keine Doktorarbeit und als Ausgleich: Kauft Euch gefälligst das Buch, ist wirklich klasse! Genug Reklame gemacht) „Das ist mal wieder typisch“, mault Horst. „Da ist man einmal im Leben in Paris und dann so etwas!“ „Was denn?“ „Wenn ich hätte Schlangestehen wollen, hätte ich dafür gesorgt, dass die Mauer geblieben wäre.“ (Ach ja, der Dresdner Dialekt ist unnachahmlich). Ich rücke näher. Ein Besserossi? „Ach du, was hättest du denn schon getan?“ „Na ich wäre nicht hingegangen, zur Montagsdemo!“ „Bist du doch sowieso nicht.“ „Aber ich hätte gekonnt!“ Ich gebe mir Mühe, nicht loszuprusten. Eine zu eins unentschieden. „Mein Gott, was dauert das denn?“ Er wird ungehalten und die Zornesröte steigt in sein Gesicht wie der Druckmesser eines Dampfkessels. Ein charakteristischer Landsmann aus meiner Heimat: Seine Miene bleibt dabei nahezu unbewegt und keine Geste drückt seinen Groll aus. Unbedarfte Außenstehende vermuten, er würde sich normal mit seiner Frau über Politik unterhalten. Die Umstehenden tun dasselbe wie ich. Sie tun so, als würden sie ihn nicht verstehen. „Aber zuerst gehen wir in den Louvre!“, bestimmt Gisela. „Was willst du denn da? Trümmer haben wir zuhause auch!“ „Da liegt die Piaf!“ Jetzt muss ich doch grinsen und versuche es mit einem künstlichen Gähnen zu überdecken. Das Gähnen wird echt und ich kriege den Mund nicht mehr zu. „Ach du, keine Ahnung, aber eine große Klappe. Was, wenn dich hier einer versteht?“ „Na und?“ „Du blamierst dich doch bis auf die Knochen.“ „Wieso?“ Horst fuchteln mit den Armen, als verjage er unsichtbare Fliegen. „Die liegt doch nicht, die steht!“ „Wie, die steht?“ „Ist aus Marmor!“ Es geht einen halben Meter weiter, aber Horst hat es verpeilt und ich weise höflich auf die Lücke hin. Er guckt mich schräg an und sagt leise: „Sind selber so langsam, der soll sich mal nicht so aufspielen.“ Er schlurft grimmig einen Schritt und verliert sein Handtäschchen. Ein Araber hebt es auf und reicht es ihm. Verdattert sieht er den grinsenden Mann an und bedankt sich: „Märzieh“. Der Mann lächelt und reiht sich wieder ein. „Also, der war aber nett“, stellt sie fest. „Solange er seine Frau nicht schlägt.“ Wirklich. Das ist besser als Mainz bleibt Mainz. Sensationell. Dann sind sie dran. „Äh, wir wollen eine U-Bahn-Karte!“, sagt er und erhält ein verblüfftes Gesicht zurück. „Für uns!“ Die Dame ist viel gewohnt, auch in allen Sprachen angebaggert zu werden und fragt auf Französisch nach. Er sieht Gisela hilfesuchend an: „Äh, verstehen die denn kein Deutsch? Wo sind wir denn hier?“, poltert er los. Gisela muss lachen, aber das bringt ihn noch mehr auf die Palme. „Sag doch auch was!“, ruft er verzweifelt. Die Dame plant, die Konversation in Englisch fortzusetzen, aber das versteht er auch nicht. Selbst ich habe Mühe, sein Gebrabbel zu begreifen und die „Ös“ in richtige Vokale umzuwandeln und die Silben zu sortieren. „Das ist doch eine Touristenfalle, hier, ziehen uns das Geld aus der Tasche!“, herrscht er jetzt Gisela an, als ob sie was dafürkönnte. „Wieso spricht die denn kein Deutsch?“ „Vielleicht, weil sie Französin ist?“, schlage ich zaghaft vor. Jetzt wird es Zeit, die Maske fallen zu lassen und unbarmherzig klar zu machen, wo er hier ist. Seine Gesichtszüge entgleisen. Ich lächele betont freundlich und muss zugeben, ich kann einen sauguten frohnsösisch Akzent in meine Aussprache einbauen. „Was möchten Sie denn?“ „Wie?“ „Na. Was Sie möchten, außärch den bätrieb aufhaltän, meinäh lesch.“ Ich zeige auf die Schlange hinter uns. „Ach so? Ja, was empfehlen Sie uns denn?“ Typisch, jetzt bin ich schuld. Ich muss entscheiden. „Zwei Drei-Tageskarten für den Innenraum Erwachsene zu je 24 Euro. Damit kommen sie fast überall hin.“ „Dann nehmen wir das.“ Ich bestelle, die Dame sieht mich an und der Herr aus dem Osten zückt einen Zweihundert-Euroschein, den die Dame nicht akzeptiert. Seine Frau kramt den letzten Fünfziger heraus und sie machen sich davon. Ich bin an der Reihe und die Dame lächelt. Sie sagt auf Deutsch: „Leute gibt‘s!“ da muss ich ihr Recht geben, allerdings missversteht sie das, denn ich schließe sie mit ein. Sie hätte ihm ja auch helfen können, aber ich verstehe: Man streikt! Und jetzt kapiere ich, wieso die Dame die beiden Fahrscheine bereithielt, bevor ich sie mit meiner radebrechenden Aussprache orderte. So ein Luder! Aber sie hat mein volles Verständnis. Wir zwinkern uns vielsagend zu und ich tauche unter in den Eingeweiden der Stadt in der Hoffnung, dass Gisela und Horst die richtige U-Bahn finden. In der Linie 4 nach Port St. Orleans trifft mich der Schlag: der U-Bahnhof St. Dennis Strassbourg ist geschlossen: Baustelle! Mein Anschluss rückt in unerreichbare Ferne. Der Zug rattert durch. Leichte Panik macht sich in mir breit. Ich springe die nächste Station raus und nehme die 3 nach Levallois und dem Gare St. Lazarre. Ach ja, Lazarre. Das weckt Erinnerungen an den Januar. In der Metro selbst erhalte ich einen kostenlosen Französischkurs: Geldbörse, 4. September, Handwerk, Tempel und das wichtigste Wort des frankophilen Sprachschatzes: Republik. Lauter nützliche Sachen. Ach so, das sind die U-Bahn-Stationen. Na dann, raus hier: Blitzschnell umdenken, flexibel sein, auch im Alter, das kennzeichnet einen Berater aus. Gisela und Horst haben die Bahn verpasst. Sie zwängen sich vor mir durch die Türen und blockieren stumpf den Fluchtweg der Millionen anderen Fahrgästen. Sie studieren den Plan über einem schlafenden Clochard hinweg und kommen nicht voran, auch weil sie weit wegstehen müssen, um nicht den ganzen Geruch anzunehmen und konserviert nach „Dräsdän“ zu bringen. Die vielen bunten Linien irritieren sie. „Was meinen die denn da? Wie soll man da hinkommen“, fragt sie verzweifelt. „Können die das denn nicht in Deutsch hinschreiben?“ Ich überlege, ob der Busfahrplan in Dresden in Französisch angeschlagen steht. Ich könnte ihnen ja sagen, dass sie hier hochsteigen und genau 200 Meter nach links gehen sollen, dann wären sie direkt am Haupteingang des Trümmermuseums mit der Marmor-Piaf. Aber ich finde, etwas Spannung muss ein Pariser Abenteuer schon mit sich bringen. Sie werden es auch allein herausfinden. Ich dagegen finde meinen Arbeitsplatz rasch und habe einen entspannten Tag. Dauert leider etwas lang und gegen halb zehn mache ich mich auf zur Metro und zum Hotel. Ich nehme diesmal die 3 nach Gallieni und steige in der Réaumur Sébastopol in die 4 nach Norden. Da trifft mich erst der Schlag und dann Gisela mit ihrem Horst. Sie erkennen mich, was die Sache noch unangenehmer macht. Sie erzählen begeistert von dem Museum, wo diese Mona Dingsbums hängt und die doch so viel kleiner ist als erwartet und dass sie nicht rangekommen seien, weil so viele Japaner davor gestanden hätten. Und von dem miesen Hamburger im Louvrerestaurant und von dem hübschen Garten davor „Die Tulperien sind einfach zauberhaft“, schwärmt sie und Horst sagt, wie es ist: „Kein einziges Blatt am Baum und alle Brunnen zu. Was zum Kuckuck soll daran besonders sein. Da ist es ja in unserem Schrebergarten aufgeräumter!“ Dem kann ich nichts hinzufügen. Ich danke, dass ich die nächste Station aussteigen muss, als beim Anfahren am Bahnhof Chateau d‘Eau der Strom ausgeht. Das Gebrumme erlischt und der Zugführer gibt bekannt, dass es wenige Minuten in Anspruch nähme, um das technische Problem zu lösen. Wahrscheinlich knabbert er genüsslich am Weißbrot mit Camembert und süffelt seinen verdienten Rotwein. Schließlich ist es spät. „Typisch!“, wettert Horst. „kriegt nix auf die Reihe, der Franzmann!“ Ich habe eine bissige Antwort auf der Zunge, verstecke mich aber hinter meinem Akzent und Gisela läuft puderrot an. Hach, tut das gut. „Pardon?“, sagte ich und auch Horst merkt, dass er zu weit gegangen ist. „Ich meine, schon eine tolle Sache, so eine U-Bahn. Fährt meistens und man kommt gut herum. Ist nicht teuer, aber viel zulaut. Außerdem stinkt sie und die Luft ist stickig. Das Brummen nervt ...“ Ich nicke freundlich. Er hat ja Recht. Die Bahn fährt weiter und am Gare l‘Est steige ich gemütlich aus dem Zug. „Schau mal!“, sagt sie. „Wollen wir nicht dahin?“ Mit dem Finger zeigt sie auf den Plan, der über jeder Tür klebt. „Natürlich!“, raunzt er. „Aber wir waren eben da und jetzt sind wir hier.“ „Wir sind richtig, keine Sorge.“ „Wir müssen doch andersherum fahren.“ „Ich habe alles im Griff!“ Das ist das letzte, was ich von ihm höre. Die Tür gleitet klackend und zischend zu. Die Bahn quietscht auf ihren Gummirädern von dannen und hoffentlich sehe ich die beiden nie wieder. Aber ich weiß, dass Gisela ihre Parisfahrt geniest. Und das ist doch auch was. Ich freue mich für sie. Ah, ich liebe diese Stadt! Ach ja, weder in einer Zeitung noch in irgendeinem Fernsehkanal war etwas von unserer weltbesten Fußballerin zu lesen oder zu sehen. Tja, also doch Dschungelcamp? Auf bald Au revoir