Travelling with Jonathan Jonathan Philippi Autor Paris 2011 Startseite Bücher Galerie Travelling with Jonathan Kontakt Blog Über mich Links Termine
© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Paris im Januar 2011 (3)

Erster Abschied
vorige Seite vorige Seite vorige Seite vorige Seite
Bon Jour, mes amis Ich finde am Morgen erneut einen Automaten, der anstandslos mein Geld schluckt, nur druckt der keine Quittung (es fehlt schlicht das Auswahlfeld). Egal. Dann halt so. Man kann nicht alles haben. Inzwischen habe ich gelernt, über das wenige dankbar zu sein, was die Pariser Betriebe mir bieten. Immerhin, die Bahnen fahren und fallen nicht kommentarlos aus wie in Berlin oder München. Je öfter ich Metro fahre, desto mehr seltsame Typen begegne ich. Heute kommt mir mal ein Kindergarten entgegen. Lauter kleine schwarze und gelbe Knirpse laufen lärmend und lachend an mir entlang. Ich zähle: 80. Mindestens. Und ein gutes Dutzend Erwachsene. Ob die alle dazugehören und nur aus Versehen in die Herde hineingeraten sind und nicht mehr herausfinden, kann ich nicht entscheiden. Ich habe auch keine Zeit, ich muss mich beeilen. Die Hektik hat mich angesteckt. Ich schubse und drängle, laufe und springe. Uff! Gerade noch geschafft. Sehr gut. Ich musste die Leute zwar ein bisschen zusammenpressen, aber die nächste Metro wäre in 2 Minuten gekommen und so viel Zeit habe ich nicht. An der folgenden Station (Saint Denis) verlassen fast alle den Wagon und nur ein paar Neue kommen hinzu. Erst mal durchatmen. Eine große, blonde Lady (Pardon: Madame) steigt ein und setzt sich auf einen Klappsitz. In aller Seelenruhe packt sie ihr Strickzeug aus. Die Leute schauen entgeistert. Sie hat besonders dicke Wolle und mit an den Nadeln hätte man auch einen Gartenzaun befestigen können. Als sie endlich die Wolle um die Pfähle gewickelt hat und anfangen könnte, springt sie auf, wirft alles in die Tasche und verlässt mit mir unseren Zug. Ich entdecke sie wieder, als ich auf die M3 Richtung Lazare warte. Sie setzte sich auf einen Plastikstuhl an der Seite und strickt. Nach einer Reihe (ungefähr 10 Zentimeter breit) rauscht die Metro heran und wir zwängen uns hinein. Nun strickt sie im Stehen. Ich habe keine Ahnung von dieser Knüpftechnik, aber den Schal möchte nicht anziehen. Auf der Rückfahrt am frühen Abend (es ist halb sieben) erlebe ich in der Metro eine völlig neue Art der Werbung. Ein Mann in einem Schottenrock und einer Fliege nebst weißen Hemd sowie einem passenden Hütchen betritt den Wagen. Er räuspert sich und erzählt mit lautstarker Stimme von einem Restaurant „Chez frässbörgehr“ oder so, wo man für ein paar lumpige Euro ein schickes Abendessen nebst einer erlesenen Flasche Wein genießen kann. Er preist die Vorzüge der Speisekarte an und erwähnt, dass es für 15 Euro auch ein herrliches Frühstück an einem Büffet gäbe. Morgens ab 9.00 Uhr. Was dem Rhythmus der Pariser offen sehr entgegen kommt. Dazu schenke man Kaffee bis zum Abwinken ein (das wäre bei mir nach einer Tasse). Als er fertig ist, bedankt er sich artig fürs Zuhören und verlässt den Wagon, um weiter auf Kundenfang zu gehen. Ich sehe mich um. Alle wissen nun, dass es diesen Gourmettempel gibt. Bis auf die Schwerhörigen mit ihren Hörgeräten, denen, die mit sich selbst reden und natürlich mich. Genauer gesagt, hat es keiner mitbekommen. Schade. Aber eine gute Idee. Aber am Abend habe ich Zeit, ein bisschen spazieren zu gehen. Ich flaniere über den Boulevard Strassbourg. Es ist abends acht Uhr. Ich sehe mit Erstaunen, dass hier, mitten im afrikanischen Viertel das Familienleben beim Friseur stattfindet. In der Tat reiht sich ein Haarschneider an den Nächsten, unterbrochen höchsten von einem Nagelstudio. Einer neben dem anderen. Alle voll, alle bis an den Rand besetzt. Mit Kind und Kegel scharen sie sich um aufgerissene Friseurstühle und essen auf Pappschachteln Reisgerichte aus Kentucky Fried Chicken (Vorsicht beim F und C!) oder von waschechten Chinesen gegenüber. Ich entdecke die Passage Brady. Über eine schmale Häuserschlucht wurde ein Glasdach angebracht und ich bin inmitten eines orientalischen Basars. Stände voller Obst, Fleisch und Schnickschnack. Meistens lauern schwarze Kaufleute vor ihren Läden, locken die Kunden, preisen ihre Waren und Dienstleistungen an und schauen ihnen enttäuscht hinterher, wenn man einfach weitergeht. Ja, es ist schon eine Art Beleidigung, seinem Angebot nicht eines Blickes zu würdigen und noch schlimmer, nichts zu kaufen. Das ist Afrika pur. Kairo und Djerba lassen grüßen. Überall tauchen dunkelhäutige Männer auf ... und telefonieren. Einige putzen ihre Telefone, indem sie ständig mit den Fingern über die Minibildschirme reiben. Ein Stückchen den Boulevard Strassbourg hinab präsentiert ein Immobilienmakler seine Objekte. Ich studiere die Auslagen: speziell für Familien wird feilgeboten: 5 Zimmer, 139 m² sind schon für läppische 1.012.500 Euros zu haben (Ja, eine Million!). Veröffentlich sind auch die lustig-bunten Energiebalken, wie sie an unserem Kühlschrank kleben. Die Wohnstätte ist leicht orange und verlangt wahrscheinlich ca. 360 Euro Wärme pro Monat zusätzlich. Nun ja. Dafür hat sie eine coole Adresse: Paris 75002. In 75001 kann eine Familie auch ein Quartier im Erdgeschoss mieten. Kalt kostet sie schlappe 5.063,40 Euro pro Monat. Dafür ist sie im Stil des Mittelalters mit Hofanteil und hat 5 Gemächer. (Eins davon ist die Küche, das andere das Bad). Die Wohnung liegt an den Tuilerien. Was will man mehr? Noch mal ca. 400 Euro Erwärmung pro Monat und schon kann man einziehen. Wem das zu kolossal ist, kann auch eine Einzimmerwohnung 36 m² für 385.000 Euro kaufen oder ein Zimmerchen zu 24m² für kalt 1.082,50 je 30 Tagen. Dazu kommen nochmal 238,50 Heizung. Da ist das Palais am Louvre ja richtig preiswert. Wir rechnen nach. Würde man das Kämmerlein umlegen, wären das siebeneinhalbtausend Euros für die Family. Boa! Bei keinem ist ein Parkplatz dabei. Der schlägt noch mal extra zu Buche. Aber man kann ja einen Anhänger pachten oder einen Lagerraum, wo das Parken frei ist. In München direkt in der City würde sowas ca. 3000 Euro kosten, inklusive, aber es werden über 200 qm geboten. Morgen geht es zurück und das ist erst mal mein letzter Tag hier an der Seine. Schwermütig bereite ich mich darauf vor, meine geliebte Stadt für die nächste Zeit zu verlassen. Traurig stopfe ich alles in den Trolley, was mich an die Weltstadt an der Seine erinnert, und an dieses Hotel: Handtücher, Bademäntel, Duschhauben, Kopfkissen, Federdecke, Klopapier, den heruntergefallenen Duschvorhang und die abgerissenen Gardinen. Nun geht der Koffer nicht mehr zu. So ein Mist, bis auf die praktischen Duschhauben aus hochwertigen Polyurethan muss alles wieder raus. Seufzend stelle ich erneut fest:  Man kann nicht alles haben. Ach, ich liebe diese Stadt und ihre Bewohner. Berlin wäre gerne sexy, ist aber nur arm. München wäre gerne hipp, ist aber langweilig. Frankfurt wäre gerne eine Metropole, ist aber nur ein Haufen von Banken und Saarbrücken wäre gerne bedeutend, na ja, das wisst Ihr ja alle besser. Paris ist alles von dem nur eins nicht: arm! Und wenn Ihr mich nicht allzu sehr verpetzt, darf ich ja vielleicht noch mal hierher. Salu