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Paris Januar 2011 (2)

Der Versuch, eine Metrokarte zu kaufen
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Meine wissenschaftliche Untersuchung der Metrobenutzer geht weiter. Bereits vor hundert Jahren erschien ein Buch, das den  (freiübersetzten) Titel: „Frankreich schafft sich ab“ trägt. („La France va-t-Elle s‘effacer?“). Darin wurde beschrieben, dass die  Teutonen sich in 100 Jahren um 60% vermehren, während Frankreich nur um 40% wachsen würde. Und genau darauf ist auch  der große Minipräsident (laut dem Geheimdossier der USA in Wikileaks: „ein Kaiser ohne Kleider“!) Nickel Sarkozy  hereingefallen, als er sich unter der wilden Schar der Elsässer Winzer kürzlich in Deutschland wähnte. Hier regt man sich  darüber heftig auf, das war ganz offensichtlich ein Sakrileg. Die Zeitungen überschlagen sich vor Häme. O-Ton des Figaro:  „Nun sollte das nächste Projekt des Präsidenten sein, die Versorgung Demenzkranker zu verbessern, er könnte es gebrauchen!“  Jedenfalls ist die Prognose des Bestsellers am Anfang des 20. Jahrhunderts längst relativiert. Nun gibt es das auch in  germanischer Übersetzung und ausgerechnet hat diese Prophezeiung über die Höhe des Zuwachses von Wutbürger die deutsche Regierung offenbar bewogen, die Familienpolitik als solches abzuschaffen, was ihr auch relativ gut gelungen ist.  Das Positive vorweg: Mindestens 10% der Benutzer der Metro scheinen tatsächlich waschechte Pariser zu sein. Schon zu Zeiten Ludwigs des 14. galt es als trendy, besonders bleich auszusehen und sich als Hochwohlgeborener so von der Landbevölkerung abzusondern, deren Haut sonnengebräunt war. An dieser Tradition halten nach wie vor viele Städter fest. Kreidebleich muss er  sein, der schicke Teint, am besten durch möglichst dunkle Kleidung hervorgehoben. Der überwiegende Teil der Fahrgäste  hingegen ist recht braun in der Hautfarbe oder tendiert dazu. Vertreten sind alle Töne von Hellbraun bis Tiefschwarz. Der Rest  ist türkisch, asiatisch oder arabisch. Doch alle verbindet die Schwerhörigkeit und die klobigen Hörgeräte sowie das intensive  Selbstgespräch. Schnörkellose weiße oder elegante schwarze Kettchen aus Kunststoff hängen um den Hals, an denen sie spielen und hineinsprechen, als könne ein ferner Geist sie verstehen. Andere haben sich zu einer Runde Poker verabredet und tippen  auf den Bildschirmchen ihrer Spielecomputer. Auch hier zeigt sich eine gewisse Rückständigkeit. Die meisten kämpfen in Text-  Abenteuerspiele, die ihre volle Aufmerksamkeit fordern. Sie lesen winzige Schriften und reagieren mit saurer oder entzückter  Miene. Unablässig wird gedaddelt. Aufgefallen ist mir das bei dem morgendlichen Ritus der M4 nach Porte d‘Orleans. Der Zug hält, man steigt ein. Dann fährt er  weinige Meter und stoppt. Wir werden durcheinandergewirbelt. Wir sortieren uns neu und lauschen einem barschen  Kommandoton aus den Lautsprechern: Wegen Streckenüberlastung müsse eine kurze Pause eingelegt werden. Wie immer hört  dann das liebliche Brummen der Motoren auf. Es zischt und nach einer Minute geht es üblicherweise weiter. Doch heute gehen  kurz alle Lichter aus. Nur die Computermonitore tauchen das Ambiente in ein mysteriöses weißblaues Flackerlicht. Dutzende  Gesichter schimmern fahl und schon wird mir klar, dass unsere Rasse mit den blutleeren Minen dem Untergang geweiht ist.  Während die Bleichgesichter leuchten und vortreffliche militärische Angriffsziele abgeben, reflektieren die dunkelhäutigen kein  bisschen Licht. Sie sind jetzt unsichtbar. Nach nur vier Sekunden flammen die Neonröhren wieder auf und es ist, als wäre  nichts geschehen. Der Zug setzt seine Fahrt fort. An den Tunnelwänden sind Ampellichter. Sie sind rot. Der Zug fährt. Manche  sind grün, aber die meisten zeigen deutlich: „Stopp!“  Das ist gewiss ein Service an uns Unterirdischen. Wir sollen das Gefühl haben, dass auch hier bei Rot über Kreuzungen  gebrettert wird. Nette Idee. (Ich frage nach und erfahre, dass, wenn die Zugspitze eine grüne Ampel passiert hat, diese sofort  auf Rot schaltet und ich nur deshalb rot sähe, weil ich hinten bin. Das muss ich heute Abend prüfen.) Wie üblich, trete ich der hetzenden morgendlichen Meute am Bahnhof Saint Lazare entgegen. Ist ja auch komisch, dass um  diese Zeit einer aus der Stadt kommt und nicht in die Stadt will. Auch hier sind alle Rassen vertreten. Erstaunlich viele Asiaten  und Afrikaner. Einer hat auf seinem Schal stehen: „Miss you, Havanna!“Kann ich verstehen, dort ist es bestimmt wärmer. Wir  Flachnasen sind erneut eindeutig in der Unterzahl. Heute patrouilliert eine andere Einheit der Armee. Sie haben nicht diese  lustigen Schallplattenteller auf der Birne, sondern richtige rote Baretts. Aber miserabel getarnt in ihren bunten Anzügen sind sie  dennoch. Da lobe ich mir die schwarzen dicken Jacken der deutschen Sicherheitsleute. Die würden hier nicht auffallen.   Es regnet und ist kalt. Ich bin froh, im Büro angekommen zu sein. Es ist halb zehn und zwei Kollegen sind bereits vor mir da.  Oups. In der Metro wird es eng. Eingepfercht denke ich an die Rechte von Schlachtvieh. Ihr bitteres Ende wird wenigstens durch  artgerechten Transport versüßt. Da haben wir Menschen es erfreulicherweise besser, denn schließlich gilt es für uns umgekehrt. Überhaupt platzt Paris aus allen Nähten. Eine Firma bietet daher Lagerräume für Privatpersonen an und es gibt über 100 Stellen  in der ganzen Stadt, wo man Räumlichkeiten mieten kann. Eine abschließbare Quadratmeterzelle kosten 120 Euro im Monat, 3  m² kommen auf 250 Euros. Die Bilder auf den Plakaten versprechen Stauraum ohne Ende, dynamisch, mitwachsend. Es gibt  Gemächer extra für Kleider und Schuhe (!), oder Bibliothekskabuffs für Bücher, CDs und Akten. Des Weiteren spezielle  Kabinen für Elektrogeräte und Möbel. Im Preis eingeschlossen ist kostenloses Parken. Doch es geht noch besser. Eine andere Firma preist ihr Konzept an: Man mietet einen Anhänger. Dieser wird bis vor die Tür  gebracht. Der Platzsuchende füllt ihn und die Kiste fährt wieder weg, an einen geheimen Ort: videoüberwacht, mit  Schutzpersonal, Zugangskontrollen usw. Wenn man was benötigt, ruft man an und innerhalb von 120 Minuten ist der mobile  Kleiderschrank vor der Tür. Plus minus 5 Stunden, je nach Verkehr. Also eher plus, als Minus. Aber das ist doch ungemein  praktisch. So was müsste es auch bei uns geben. Wenn der Pariser nämlich umzieht, braucht er für die Autos nur eine neue  Adresse, et voilà ... fertig. Nix ist mit Kisten packen oder so was. Wau, was für eine Idee.  Der Abend beginnt mit der Suche nach einer Fahrkarte. Mein Carnet ist erschöpft und ich benötige dringend Nachschub. Am  Bahnhof Saint Lazare steuere ich umgehend den Verkaufsschalter an, denn niemand steht an. Das ist auch kein Wunder, der  Schalter ist vorübergehend nicht besetzt. Ich stiere auf den Automaten. Sofort kommt ein freundlicher winziger schwarzer  Mann und zeigt verschämt in seiner Hand einen Fahrschein: „Hey, brauchen Sie eine Fahrt?“ Ich frage nach dem Preis, was schon ein Fehler an sich war. „2 Euro fünfzig“, höre ich, das ist Wucher. Im Carnet kostet es nur  1,20 und als Einzelfahrschein 1,70. Ich beschwere mich, „Ja, aber die Maschinen sind kaputt und die Kassen verlassen, also wie  ist es?“ Ich bin geneigt zu fragen, ob er auch Kreditkarten nimmt, aber das tut er sicher, also lasse ich es. Jeder läuft hier mit  Funkterminals herum, in die man die Plastikkarten steckt und bezahlt. Im Restaurant, im Kaufhaus, im Zug. Außerdem kann  man seine Strafmandate wegen Falschparkens augenblicklich mit Hilfe dieser Technik bezahlen.  Ich lehne das Angebot dankend ab und fliehe vor einer Meute von gut einem Dutzend Fahrkartendealern, die mich umringt  begleiten und in mir ein leichtes Opfer vermuten. In mir regt sich der Verdacht, dass diese Mafia die Verkaufsmaschinen  bewusst sabotiert, um einem einträglichen Geschäft nachzugehen. Am Verkaufsautomat versuchen es andere und ich sehe, dass die Pappkärtchen wie kleine weiße Silberpäckchen den Besitzer  wechseln. Diskret, unter der Hand gegen so manchen 5-Euroschein. Ich weigere mich, ich will dieses Unterfangen nicht  mitmachen. Ich finde schon noch einen Automaten, überdies brauche ich ein Zertifikat für die Reisekostenabrechnung, und  wenn es nur 1,20 Euro ist.   In einer stillen Ecke (erinnert Ihr Euch? Coin? Genauso riecht es!), schlummert eines dieser Terminals. Na bitte. Ich steuere die  Einzelfahrt an und er verlangt nach meiner Kreditkarte. Na Super. Ich gehe lieber. Und in den Eingeweiden der Tiefe findet  sich tatsächlich ein Fahrkartenterminal. Es schluckt nicht nur meine 1,70 Euro, nein, es druckt auch noch einen Fahrschein  nebst Quittung aus. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. In der U-Bahn ist es eng und stickig. Als wir einsteigen, erheben sich synchron 8 Leute von ihren Klappsitzen, damit mehr  Platz für uns Stehende entsteht. An der folgenden Station beginnt ein begnadeter Sänger, uns unter Begleitung seiner Ukulele  ein Ständchen zum Besten zu geben. Gut, dass Dieter Bohlen nicht dabei ist. Der Typ singt so miserabel, dass Bohlen sofort  vier CDs und 8 Shows mit ihm gemacht hätte. Ich suche nach einem Euro und werfe ihn in seine Mütze, damit er  Gesangsunterricht finanzieren kann. Leider missversteht er mich und bietet noch ein Beispiel seiner Sangeskunst. Die  Minigitarre quetscht, die Reibeisenstimme knarrt wie eine rostige Tür und mir ist klar, wo Albert Uderzo seine Idee mit  Troubadix herhatte: Er ist Metro gefahren.  Am nächsten Bahnhof springe ich aus dem Wagen, um die anschließende Metro zu nehmen. Der Künstler schwingt sich auch  heraus und einen Wagon nach vorne. Ich also wieder rein. Endlich Ruhe. Da bläst ein Akkordeon und noch ein Teilnehmer des  Wettbewerbs: „Was Sie nie hören wollten“ schmettert dazu eine Opernarie. Das ist doch Mal eine Idee. Das Musikinstrument  ist lauter als seine Stimme und so bleibt es erträglich. Dann steige ich aus. Der Tenor ist dabei, die Todesarie zu jodeln. Er  kommt zum Finale und stirbt. Die Tür schließt sich. In einer Unterführung höre ich ein Schlagzeug und eine Band. Ein  Trompeter hat sich genau die schalltechnisch richtige Ecke ausgesucht. Sein Blech tönt wie eine ganze Bläsergruppe. Aus  einem Verstärker mit MP3 Player ballert uns der Rest der Band entgegen. Ich werfe einen Euro in den Hut und lausche dem  Solokünstler eine Weile zu den Jazzklängen. Er ist gut. Aber dann setzt er das Blasinstrument ab und krächzt mit einem  rauchigen Timbre in ein Mikrophon. Ich laufe weiter. Gleich am Bahnsteig wartet eine ganze Gruppe aus den Anden und sucht  nach dem schwebenden Kondor. Sie pfeifen und tröten, trommeln und singen, zupfen Gitarren- und Basssaiten. Eigentlich  klingt das sicher klasse, aber hier unten, mit dem Echo und dem Gequietsche der Metro, sorry, das ist einfach nur Sch...  Erschöpft erreiche ich den Gare de L‘Est. Ich will ein Carnet und mache mich zum Schalter auf. Es kommt, wie ich erwartet habe. Dieser Counter ist vorübergehend nicht besetzt. Wieso überrascht mich das nicht mehr?