Travelling with Jonathan Jonathan Philippi Autor Paris 2011 Startseite Bücher Galerie Travelling with Jonathan Kontakt Blog Über mich Links Termine
© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Paris im Dezember 2011

Ein Jahr neigt sich dem Ende zu
vorige Seite vorige Seite vorige Seite vorige Seite
Es ist ein wunderschöner Dezembermorgen, kurz vor dem Nikolaus. Es herrschen sommerliche 13 Grad und eine warme Brise umstreift meinen Mantel. Die Sonne geht idyllisch über den Bahngleisen als roter Feuerball über der schönsten Landeshauptstadt des Saarlandes auf. Es ist der Tag, an dem die Bahn sich für den schrecklichsten Winter seit der Ermordung Cäsars in den Iden des Märzens vorbereitet. Mein Zug hat fast 45 Minuten Verspätung und praktisch alle Regionalzüge schließen sich dem an. Eine halbe Stunde ist an diesem herrlichen frühlingshaften Tag die Regel. Gleiswechsel inklusive. Niemand weiß Bescheid und die Anzeige hüpft immer zwischen einem Regionalexpress nach Dillingen und dem ICE nach Paris hin und her. Also das klappt schon mal. Genau so kann es dann laufen, wenn ein Schneeflöckchen fällt. In der Woche vor Heiligabend liegt dann wirklich Schnee und alles läuft wie am Schnürchen. Jeder Zug ist rechtzeitig, der ICE hat nur 2 Minuten Verspätung. Irgendjemand hat da nicht aufgepasst, so etwas darf nicht passieren. Wo kommen wir denn da hin? Na das wird sicher wieder bahninterne Kritiken hageln. Als zahlender Bahnkunde verlange ich in solchen Situationen mindestens eine halbe Stunde oder so! Wo zu trage ich schließlich lange Unterhosen? Ich bereite mich innerlich auf den lautesten Monat in Paris vor. Schon posaunen zahlreiche Geschäfte ihre Warnungen vor dem bevorstehenden Konsumfest auf die Straße, um all jene um den Verstand zu bringen, die versuchen, sich dem Kaufrausch zu entziehen. Bunte Lichter blitzen und locken Menschen einfachen Geistes in ihre Läden, um sie auszunehmen wie eine Weihnachtsgans. Diskotheken und Pubs (hierzulande nennt man sie Bistros) haben ihre Feuerkraft nach außen verlagert und schießen jeden vorbeihetzenden Fußgänger mit Laserstrahlen, bunten Mustern wie Christbäumen und Glocken ab. Es schimmert und blitzt, funkelt und glänzt, flimmert und blinkt. Der fünften Jahreszeit angemessen zeigt sich Paris von einer schönsten Seite. Bunte und dunkelblau blitzende Kaskaden von elektrischem Feuerwerk regnen auf die Autofahrer herab und rieseln über die Passanten. Milliarden von kleinen LED Birnchen hauen uns die Birne voll. Scheinbar gibt es weder ein Problem mit Atomkraftwerken, noch mit der Finanzkrise. Da die Regierung aktuell beschlossen hat, dass man in den Sommerferien 2012 ab 22.00 Uhr die Geschäftsbeleuchtung in Paris auszuschalten, um damit den Strom von 780.000 Wohnungen einzusparen, gibt man sich nun erst recht Mühe, den Strom im Voraus zu verbrennen, den man dann weniger verbrauchen möchte. Ein Bistro, in das wir ab und zu zum Mittagessen abtauchen, verkündet stolz. „Dank der Strom sparenden LED Technik können wir jetzt viel mehr bunte, blinkende Lichter strahlen lassen als noch vor zwei Jahren.“ Die Logik, dass er nur dann Strom sparen wird, wenn er GENAU so viele leuchtende Miniobjekte nutzen würde anstatt eines logarithmischen Anstiegs, ist ihm nicht zu vermitteln. Und so er haut sein Fenster zu mit einem kunterbunten Reigen modernster Technologie. Ich recherchiere, ob es in Paris prozentual mehr Epileptiker gibt als anderswo oder wenigstens in der Weihnachtszeit, aber vergebens. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen über Depressionen und das Läuten von Kirchenglocken (anhand von 8 freiwilligen Probanden), aber keine wirklich nützlichen wie die von mir gewünschte. Nun ja. Paris hat nicht nur wesentlich mehr öffentliche Mülleimer (oder besser Tüten) als jede andere mir bekannte Stadt, sondern auch mehr Weihnachtsmänner. Hier zeigt sich schon ein deutlicher Kulturunterschied. Die Amerikaner nennen den Typen korrekt Santa Claus. Den roten Mantel bekam er erst durch Coca Cola - das Märchen, die hätten ihn erfunden, ist erfunden, vorher war er blau. Blau war aber dann die Farbe der Marine und das passte nicht mehr so ganz. (Quelle dieser Info: irgendwo im Internet). Für die Franzosen ist er Père Noël, oder einfach auch Papa Noël. Damit ist klar, dass „Noël“ das Weihnachtsfest ist. Jedoch ist das dazugehörige Verb (weihnachten feiern) damit offenbar nicht verwandt: réveillonner. Und weil direkt danach ein praktisches Besäufnis stattfindet, ist es dasselbe Wort für: „Sylvester feiern“ beziehungsweise alles, was mit einem Festschmaus zu tun hat, außer der Heirat. Nur wir lösen die rot gewandete Figur vom Nikolaus. Es ist kein Papa und kein Heiliger. Wir Deutsche sind es, die ihn gnadenlos kommerzialisiert haben. Darüber sollten wir uns Gedanken machen, ehe wir über andere schimpfen. Also an nahezu jeder Ecke steht ein Papa. Unverkennbar mit der blinkenden, roten Mütze, dem roten Anzug und dem Schlafsack und einigen Pappunterlagen. Wie bitte? Ah ja, da sind meine Clochards hin verschwunden. Ich habe sie schon vermisst. Keine Chance, den Markt zu betreten oder zu verlassen, ohne dass mir ein alkoholisierter Dunstschleier von „Joyeux Noelle“ entgegenplärrt. Sie sammeln für einen guten Zweck, wie es scheint und ich vermute ich mal, bestimmt für sich selbst. Da weiß man wenigstens, wo das Geld hingeht. Manche verhalten sich nicht ganz weihnachtskonform und stoßen mit Rotweinflaschen an. Einer hat eine Glocke und bimmelt. Ein kleiner Junge läuft zu ihm und streckt ihm eine Münze hin. Mit dem Kopf weißt er auf den Boden, wo der Knabe seinen Beitrag zur Seelenrettung brav reinwirft. Klar, Papa Noël hat keine Hand frei. Mit einer muss er bimmeln und mit der anderen abwechseln Telefonieren und eine Zigarette zwischen die Lippe schieben. Rauchende und saufende Weihnachtsmänner sind keine Seltenheit und ein Passant bietet einem sogar einen Glimmstängel an. Ich bin sicher, dass es bei uns in Deutschland eine Verordnung über das öffentliche Auftreten und Gebaren von Menschen in roten Weihnachtsmannkostümen gibt (VerüböffAufuGebMenrotWeikost) und in Paragraf 143 Absatz 4 Punkt 2 heißt es, dass Rauchen in der Öffentlichkeit tunlichst unterlassen werden soll und wenn doch, nicht vor Kindern und nicht vor 22.35 Uhr nach Vollmond. Mahlzeit. Aber es ist ja Weihnachen, da wollen wir mal nicht so streng sein. Die Hauptsaison beginnt hier übrigens schon nach dem 1. November und endet am 2. Januar. Das ist die Zeit der Weihnachtsmärkte, auf die man besonders stolz ist. Der Brauch der Märkte ist in Frankreich uralt. Vor ungefähr 10 Jahren gab es den Ersten an der Champs Elysée. Angeblich eine aus grauer Vorzeit stammende Tradition aus Elsass-Lothringen, aber eher eine Forderung des japanischen Außenministers. Seine Landsleute kannten sie aus Germany und haben sich beschwert, dass es in Paris keine ähnliche Institution gäbe. Der Franzmann ist lernfähig und schwupp wachsen seitdem zahlreiche Verkaufsbuden aus dem Boden. Man kann den üblichen Nippes erwerben, den geschickte schwarze Verkäufer ansonsten auf Wolldecken auf dem Boden ausbreiten. Nun tragen sie rote Zipfelmützen und rote Nasen. Natürlich gibt es original französische Weihnachtsartikel wie Glasglocken aus Thüringen, Holzgeschnitztes aus dem Erzgebirge und Strohsterne aus China. Dazwischen laden Crêpes und Rotweinstände ein, sich einen hinter die Binde zu gießen und das Ganze zu vergessen. Es gibt aber auch echte original französische Waren wie Seife aus Lavendel, kalt gepresste Olivenöle (bei der Gelegenheit, es gibt keine heiß gepressten. Olivenöl kann man nur kalt pressen!) dazu passende Weine, Wildschwein aus Korsika nebst Kastanien von dort und einiges aus den Überseegebieten wie Vodoopuppen aus Südamerika und Martinique, bunte Plastikblumen aus La Reunion und unzählige Matroschkas aus Russland. Fehlen darf auch nicht das klassische Weihnachtsdorf mit Krippen aus Keramiken und den typischen Häusern aus der Provence. Die sehen wirklich klasse aus, und da wir in Paris sind, sind diese Modellgebäude aus Ton nicht zu bezahlen. 55 Euro aufwärts. Jedoch bei einem zuckt es mich, zumal der Händler Kreditkarten akzeptiert. Es ist eine hypermoderne Weihnachtskrippe. Anstelle eines Stalls mit Kühen ist es eine Motorradwerkstatt und der Engel kommt aus einem kleinen TV. Jesus liegt in einem Reifenstapel und die Hirten sind Rocker. Einfach Klasse. Da nur eine einzige Frau darunter ist, nehme ich an, dass soll Maria darstellen, sie trägt Tätowierungen auf dem Oberarm. 185 Euro komplett, so groß wie ein DIN-A3 Blatt. Aber mit vielen bunten Lämpchen versehen und der Fernseher blinkt auch. Ein anderer hat eine original französische Bijouterie. Nur die großen Kartons hinter dem Wagen mit dem Schmuck stammen aus China. Aber die Location direkt am Eiffelturm inklusive mit Eislaufbahn ist schon krass, da muss selbst Goslar einpacken. Da gehe ich doch lieber in die Galerie Lafayette, an deren 100 Meter hohen Tannenbaum im Inneren diesmal bunte Elektrogitarren und überdimensionale Mikrofone blitzen und blinken. Rock Xmas ist das Thema, typisch französisch. Ach Mensch. Es muss doch etwas Besinnliches geben. Ich erhalte den Tipp, den Markt an den Champos Elysée zu testen, mit Eisenbahn und Ständen aus ganz Europa. Da gibt es die berühmten Lappenschlappen aus Finnland, echte Kunstfelle aus Leverkusen, Girlanden für jede Geburtstagsparty (Weihnachten ist ja auch eine) und original englische Christmascookies und natürlich Kuscheltiere. Von den unzähligen Pariser Souvenirs wie die Putten von Michelangelo oder die Mona Lisa von da Vinci gesellt sich auch, welch Wunder, der Eiffelturm in millionenfacher Ausprägung und Farbe. Viel Modeschmuck wird angeboten und es gibt mindestens 2.000 Häuschen mit Bernsteinschmuck. Ich wusste gar nicht, dass es so viel Bernstein gibt. An einem Stand funktioniert das interkulturelle ganz hervorragend. Unbeschreibliche Gegenstände, Made in China und Taiwan, verkauft von einem Afrikaner an Japaner, Chinesen und Taiwanesen. Jawoll: Sollen sie ihren Schrott wieder mit zurücknehmen. Wenn wir mit dem Flieger auf die Bahamas reisen, kriegen wir unseren Müll ja auch in die Hände gedrückt. Aber, meine Lieben ganz so schlimm war es nicht. Der Weihnachtsmarkt ist ehrlich gesagt ziemlich einmalig und sicher der größte, auf dem ich je war. Zu beiden Seiten zieht er sich die ganzen 20 Kilometer vom Place de la Concorde (das ist der mit dem Obelix) hin zu den Feldern von Elysium: weiße Bude an weißer Bude. Und zum ersten Mal ärgere ich mich, dass es Amazon gibt und bei uns zu Hause alle Weihnachtsgeschenke hübsch in braunen Pappkartons eingepackt lagern. Hier hätte ich wirklich für alle Freunde und die gesamte Verwandtschaft etwas Passendes gefunden. Aber ich gebe nur einen Euro aus. Jeweils 50 Cent für den Akkordeonspieler bei der Hinfahrt und auf der Rückfahrt mit der Metro. Was mir etwas befremdlich vorkommt, ist die Illumination. An den Bäumen und Pfosten rechts und links des Weges wechseln riesige Hullahupp-Reifen ständig dir Farbe. Je drei Kränze bilden eine Lichtinstallation und es sind Tausende, wenn nicht gar Millionen von bunten Birnchen, die eher einer Ufo Landebahn gleichen als einer weihnachtlichen Beleuchtung. Zumal einer ihrer Farbmuster Blau-weiß-Rot ist. Aber, wie schon erwähnt, im Sommer will die Grande Nation sparen, und während der Ferien in den Parisern Geschäfte ab 22.00 Uhr die Lampen abschalten. Dann ist das wieder drin. Am Ende des Marktes, etwa 2 Lichtjahre vom gigantischen Riesenrad auf dem Place de la Concorde entfernt, flimmern weiße Leuchtskulpturen in einem Märchenwald von Kugeln, Bäumchen und futuristischen Pflanzen. Da die asiatische Menschenrasse einen Kopf kürzer ist als die europäische, kann man auch gut fotografieren. Nur Kinder haben das Nachsehen, so dicht stehen die Touris um die kleine Parkanlage. Auf der anderen Straßenseite ist auch eine solche Installation. Da ist keiner. Auf dieser Seite ist auch ein Zoo in einem großen Zelt. Über 200 Tiere kann man bestaunen. Genial. So können auch Großstadtkinder in den Genuss einer zoologischen Erfahrung kommen. 5 Euro Eintritt sind nicht zu viel, denke ich und merke erst kurz vor der Kasse, dass es Plüschtiere sind, die sich roboterhaft bewegen, wie im richtigen leben! Nee, dann doch lieber nicht. Stattdessen bummele ich weiter und habe ernsthafte Schwierigkeiten, nichts zu kaufen. Aber ich bleibe eisern! Dass diese Art der Warenanpreisung doch aus Deutschland kommt, beweist ein Blick auf die Spezialitäten, die angeboten werden. Neben den üblichen Crêpes haben die Franzosen endlich Deutsch gelernt, immerhin werden wir ihre Schulden bezahlen müssen. So finden sich die wichtigsten Wörter in meiner Muttersprache auch hier: „Glühwein, Waffel und Brezel.“ Da Weihnachten nun schon vorüber ist, bleibt mir nur, Euch allen einen dermaßen guten Start ins neue Jahr zu wünschen, sodass es gleich am 1.1. raketenmäßig abgeht. Schlaft gut, wo immer ihr seid und wenn ihr mögt, dann treffen wir uns in 2012 wieder.