Travelling with Jonathan Jonathan Philippi Autor Paris 2011 Startseite Bücher Galerie Travelling with Jonathan Kontakt Blog Über mich Links Termine
© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Januar 2011 Paris

Metro und I-Phone Und schon wieder enttäuscht mich die Deutsche Bahn. Auf die Sekunde kommt der Zug in Saarbrücken an und ist  pünktlich in Paris. Außerdem ist er diesmal voll besetzt.   In meiner Lieblingsstadt habe ich für diese Woche ein Hotel unmittelbar am Gare de l‘Est gebucht. Ich brauche nur die  Straße zu überqueren und schon bin ich da. Ich kapiere das Pariser Taxisystem immer noch nicht. Direkt am Bahnhof harren die Leute in einer Schlange schön  brav hintereinander an einem Schild aus, auf dem steht, dass hier die Taxen anhalten. Auf der gegenüberliegenden  Seite warten die Wagen in zwei Reihen. Niemand traut sich an den Wartenden vorbei und erst recht mag kein  Chauffeur seinen Platz verlassen, um Gäste aufzunehmen. Kopfschüttelnd bemerke ich, wie jemand aus gewöhnlich  gut informierten Kreisen auf die andere Seite des Platzes eilt, eine Tür öffnet, einsteigt und losfährt.  Jetzt aber, jetzt müssten sie doch rennen ... Nix. Die Ahnungslosen bleiben wie angewurzelt stehen. Ich betrete das  Hotel, das mal nicht zwischen den endlosen Häuserreihen eingequetscht ist, und möchte meinen Trolley abgeben.  Einchecken könnte ich ja heute Abend. Aber mitnichten. Die Dame am Empfang findet heraus, dass ich schon öfters in  Paris in Hotels ihrer Kette übernachtet habe und zudem Mitglied in einem der zahllosen Hotelgold-, Superplatin-,  Specialdiamant- und Premiumclubs bin. Ich erhalte sofort eine Zimmerkarte. Auch hier schafft es der Aufzug, mich  problemlos in den 5. Stock zu hieven.   Mein Zimmer ist eine Suite mit drei Räumen: ein Schlafzimmer (mit Fernseher) und ein Wohnzimmer mit Couch und  Flachbildschirm. Ich nutze die Gunst der Stunde, mache mich frisch und bin um 10.15 Uhr auf der Straße, genauer im  U-Bahn-Darm der Stadt.  Ohne Hetze und ohne Koffer habe ich Muße, die Pariser in und um die U-Bahn intensiver zu betrachten. Zurzeit wird  ein Kopftuchverbot diskutiert. Die Damen aus diesen Kreisen sind deshalb aufgebracht, was ich voll und ganz  verstehen kann. Die lustigen bunten Umhänge sind modischer und schicker als so mancher Mist, der diese Woche als  „dernier crie“ auf den Laufstegen der Seine angepriesen wird. Die Kreationen aus Farbe, Seide und gelungener  Schlingkunst sind so individuell wie ihre Trägerinnen. Ein fröhliches Geschnatter treibt herüber von dem Pulk  halbwüchsiger Mädchen, die um diese Zeit sicherlich die Schule schwänzen, auf der man auch nichts mehr lernt. Man  stelle sich vor, Deutschland hat Frankreich in der Pisa Studie tatsächlich abgehängt! Und die Franzosen sind sauer  darüber. Kein Wunder, wenn man lieber Metro fährt. In unseren Wagen schwebt ein junger Mann mit westlichen Werten. Schwarze Lederhose, ebensolcher Mantel, der  über die Knie reicht, ein mysteriöses schwarzes Hemd mit geheimnisvollen silbernen Motiven, hemmungslos gefärbte  schwarze Haare und einem finsteren Blick. Fehlt nur noch das Gewehr aus „Bowling for Colombine“ und, wie uncool,  die Sonnebrille. Da macht der Neo aus der Matrix einen deutlich imposanteren Eindruck. Der Milchbubi ist höchstens  18, und schaut sich um, als wolle er entscheiden: „Du da: raus!“ Ich muss lachen, gähne aber und halte mir die Hand  vor den Mund. Er stülpt eine gigantische Kapuze über und sieht aus wie die Todesboten aus dem Herrn der Ringe.  Nach zwei Stationen steigt er aus und an seiner Stelle finden fünf Fahrgäste Platz, die vorher respektvoll Abstand  gehalten haben. Wenn Kopftuchverbot, dann für alle, finde ich. Die medizinische Versorgung der Pariser und die Leistungen der Krankenkassen sind allerdings hinken dem deutschen  Standard weit hinterher. Fast jeder Dritte ist schwerhörig. Und sie tragen nur die billigsten Kassenmodelle. Nichts ist  da mit unsichtbaren Wunderwerken der Miniaturbatterietechnik im Ohr, nein! Lange, weiße Kabel hängen aus den  Ohren, verbunden mit mehr oder weniger großen weißen Hörgeräten. Bei dem Lärm, den eine Metro auf den Schienen  in einer Kurve macht, wundert mich das nicht. Auch ich bin bald ein Fall für den Hörgeräteakustiker meines  Vertrauens. Andere wiederum scheinen wahnsinnig geworden zu sein. Sie sprechen mit sich selbst laut und leise. Sie  fluchen und schreien. In der Tat findet kaum ein Gespräch zwischen den Passagieren statt. Da lobe ich mir die Typen  in den Berliner Stadtbahnen. Die bieten Entertainment pur. Nicht selten beichtet eine bunt schillernde Person ihre  Lebenssünden oder weint sich aus. Nie mangelt es an Erklärungen, warum Dein Gegenüber ausgerechnet heute so ein  miserables Aroma verbreitet. Aber hier: totenstille. Da muss man ja durchdrehen und mit sich Selbstgespräche führen.  Das tun erstaunlicherweise recht viele Fahrgäste. Ja, und auch sie sind auf einem Ohr taub. Man sieht das  Kassengestell deutlich. Am Bahnhof Saint Lazare ist es immer das Gleiche. Bleich und in dunkler Kleidung, die in Fetzen an uns herunter  hängt, streifen wir aus dem Grab der Stadt nach oben, der Luft und dem Licht entgegen. Lazarus sei Dank! Im  Augenblick ist hier eine umfangreiche Baustelle, (sollte im Herbst 2010 fertig sein, aber da hat man noch nicht  angefangen). Ich stelle mir vor, das sei Stuttgart 21 im Kleinen. Allerdings mit hundertmal so vielen Passagieren. Wir  werden alle nass, wenn wir uns den Weg von der Metro zu den Gleisen freikämpfen. Wir müssen außen herum und es  regnet heftig. Nun eilt der Franzose noch schneller als eh schon und schubst noch mehr als üblich. Da heißt es eisern  auf seiner Spur beharren! Interessant sind die Reaktionen, wenn man auf der Rolltreppe links stehenbleibt und auf ein: „Pardon“ mit dem  Fotoapparat reagiert, wie die gruppe der Japaner: „May I take a picture please, you look so pariserisch, I wouldn‘t not  beleave it!“ Ehe der Drängler reagieren kann, ist die Treppe zu Ende, ein gutes Dutzend digitaler Bilder geschossen  und er zieht an den Touristen vorbei, die fröhlich lachend hinter ihm herwinken. In Asien ist alles andersrum. Die  wundern sich sicher, wieso wir hier rechts stehen und links gehen. Mir kommen tausende Menschen entgegen. Ein  Zählen ist nicht möglich, nur eine grobe Schätzung. Wenn man die Trampelpfade der Marathonläufer blockiert, ist die  Gefahr, einen richtig üblen Rempler abzukriegen dennoch gering, schließlich muss jeder seinen Zug erreichen. (Hähä!  „a l‘heure“, viel Spaß beim Warten!)  Um 10.12 Uhr trete ich im Büro meinen Dienst an. Wau. Ich bin der erste.  Im Büro erlebe ich mal was Neues: Ein Angestellter des Kunden geht auf die Toilette: Mit seinem I-Phone und kommt  exakt 25 Minuten später wieder raus! (Echt wahr!) Das ist mal eine Sitzung der besonderen Art. Ungeniert wirft er das  Wunderding auf den Tisch, an dem ich arbeite, und fragt mich etwas zum Projekt. Während ich antworte sehe ich auf  dem Display, dass er gerade 200 Dollar beim Pokern verloren hat. So mancher kann sich das leisten. Er nimmt sein  hypermodernes Mobilteil („Ätsch, ich habe ein I-Phone, du nicht!“) und zieht endlich von dannen. Okay. Früher hatten solche Typen einen Porschefimmel. Nun ist es halt so was. Ist auch billiger, wenn man nicht online Poker spielt ...  Was daran neu ist? Der Typ nimmt es ganz offen mit. Ich meine, wir verstecken unsere Spielzeuge beim Gang zum  Örtchen ja in der Hosentasche ... Übrigens nennt man es hier: Coin = Ecke.  Die Fahrt ins Hotel entpuppt sich als normal. Überfüllte Metro im Zweiminutentakt. Hetzende Menschen, drängelnde  Horden, die es furchtbar eilig haben. Inmitten der ganzen Chose etwas absolut Ungewohntes. Noch nie habe ich so  etwas hier unten gesehen: eine junge Frau und ... ein Kinderwagen! Es gibt praktisch kaum Rolltreppen, keine Aufzüge. Sie steht am unteren Rand und sieht sehnsüchtig nach oben, wie  ein Bergsteiger an der Eiger Nordwand. Alle laufen vorbei. Einige beschweren sich sogar: Sie stelle ein Hindernis dar.  Knirpse sind der Metro erst dann willkommen, wenn sie den Preis als Erwachsene bezahlen müssen. Überhaupt sehe  ich wenig Kinder unter der Erde.   Ich biete mich an, zu helfen. Sie ist völlig perplex. Sie strahlt und lacht, weint und schluchzt gleichzeitig. Offenbar  sitzt sie seit Tagen hier fest. Die Babys (selbstverständlich sind es gleich zwei!) schreien nach Nahrung, Luft und  Ruhe. Ich vorne, sie hinten, schleppen wir die Nuckelpinne 52 Stufen hinauf, 14 abwärts, 7 rauf und 22 wieder runter  zum Anschluss der nächsten Metro. Zum Glück sind die Kleinen angeschnallt und das hypermoderne Gefährt scheint  auch einen Airbag zu besitzen. Sie wirft sich mir vor lauter Dankbarkeit beinahe an den Hals. Sie heißt Louise, ist  Kindermädchen, stammt aus dem Süden von Äthiopien (Mann, ist die schwarz!), arbeitet hier und ich bin mir sicher,  sie will mich vom Fleck weg heiraten. Ich bin mir bewusst, dass sie einen heiligen Eid geschworen hat, den zu  ehelichen, der sie aus dieser misslichen Lage errettet. Ich bin ihr Held, der Ritter in einem strahlenden, mausgrauen  Anzug, mit orangefarbenem Hemd und geschmackvollem Schlips, der sie vor den stinkenden, hässlich grünen, schrill  kreischenden Drachenschlangen und ihrem unstillbaren Hunger nach Menschen befreit hat. Nun dort, wo sie  herkommt, mag das gang und gäbe sein, dass man neben Carsharing auch Womensharing betreibt, in unseren, über  Jahrmillionen abendländisch geprägten Werten freiheitlich demokratischer Grundordnung, geht das natürlich nicht. Außerdem nimmt sie die entgegengesetzte Richtung. Die Metro wird uns trennen und wir werden uns nie mehr sehen.  Ich werde nie erfahren, was aus den Babys geworden ist. Ob sie die Energieprobleme der Zukunft durch eine geniale  Erfindung bewältigen werden, nur weil ich so heroisch eingegriffen und sie vor dem Los bewahrt habe, auf ewig in  den Katakomben leben zu müssen? Oder einer von denen wird Staatspräsident und zeigt es den Engländern mal so  richtig. Ach ja! So spielt das Schicksal mit dem Leben.   Wahrscheinlich aber fristen sie ihr weiteres Dasein in den Höhlen der Endstation, weil ihnen dort kein rettender Held  zur Seite springt. Wir Deutsche können halt nicht überall sein! Aber sie werden wenigstens nicht die Einzigen sein.  Bestimmte Ecken auf meinem alltäglichen Weg sind Stammplätze von Clochards, die hier unten dahinvegetieren, ohne  je zu wissen, wie es draußen kübelt. Brrr.   Und im Übrigen, was soll ich mit einer Frau, die nur französisch spricht und so beknackt ist, mit einem Wagen voller  Kinder Metro zu fahren. Also ehrlich.  Im Hotel angekommen, suche ich in den drei Zimmern (Gut, eines ist der Flur) einen Haken für meinen Mantel und  die Jacke. Ich entdecke sofort drei Löcher in der Wand und bin mir sicher: Da waren mal welche! Ich lege meine  wärmend Kleidung auf die Couch im Wohnzimmer und öffne die Fenster. Auf Anhieb erfüllt der Lärm der Großstadt  und des Bahnhofs meinen Salon. Blaulicht und Sirenen, gleich dutzende, rasen vorbei nach Süden. Ich genieße den  Krach der Metropolen. Das schnattern der Menschen unter mir, dessen einziger Sprachschatz aus dem Wort: „Pardon“ zu bestehen scheint. Ich suche mein Liebingsfernsehprogramm. Auch hier gibt es nur das ZDF, allerdings ist die  Ziffernfolge zum Anwählen verschieden. Was bleibt, ist, dass ich bei jedem zweiten Versuch auf dem Bezahlkanal  lande, wo Hollywood seine eigenen Studios mit grandiosen Explosionen in die Luft jagt. Ich bin flink mit den Fingern  und schaffe es, keine 38 Euro bezahlen zu müssen, um mir diesen Stuss endlos reinziehen zu können. Im ZDF läuft ein  Krimi. Wer hätte gedacht, dass die auch mal was Spannendes produzieren. Sieht aus wie Rosamunde Pilcher, ist es  aber nicht, nur die ständige Musik nervt. Dann gehe ich doch lieber ins Schlafzimmer und verwusele alle Kissen und  Decken oder beschäftige mich mit dem Zählen der französischen Lilien auf der dunkelbraunen Tapete.   Durch die Gardinen dringt der grelle, scharf gebündelte Suchstrahl eines Gefängnisturms herein. Ich gucke nach und  staune: Das ist ja der Eiffelturm! Er ist zwar etliche Kilometer entfernt und auch nur die oberste Spitze ragt zaghaft  über die wehrhaften Zinnen der trutzigen Straßenburg auf der anderen Seite des Platzes. Aber ich kann sagen, ich habe ein Zimmer mit Blick auf den „Tour Eiffel“. Jetzt verstehe ich auch, warum dieses Suite einen Aufschlag im Preis hat.  Dafür lohnt es sich. Bon soir
vorige Seite vorige Seite vorige Seite vorige Seite