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© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Die Metropole der Grande Nation (3)

Computer und Briefmarken Die Tatsache, dass die Lampen brennen, habe ich mir damit erkaufen müssen, dass nun nur noch zwei Steckdosen Saft haben. In einer klemmt der Fernseher und ist festgeschraubt. Keine Chance, den Stecker zu ziehen. Die andere ist direkt neben meinem Bett. Jedoch ist das Internetkabel nicht lang genug. Ich schleppe also den Nachttisch in die Mitte des Raumes. Rechts hängt der Strom, links die Leine zur Welt. Die Akkus machen sonst mit Webcam und Internet bald schlapp. Immerhin kann ich mit meiner Familie skypen, nur aufstehen darf ich nicht, sonst kippt die Konstruktion ab, denn die Schnüre sind straff quer durch den Raum gespannt. Ich lade mein Handy über Nacht auf. Leider gibt auch diese Steckdose den Geist auf und der Wecker in meinem Telefon rappelt nicht, weil der Akkumulator endgültig leer ist. Das macht aber nichts, denn ich wache von allein auf. Der Klang der Großstadt weckt mich: Bagger, Presslufthämmer, Schläge auf ein Stahlgerüst, Rufe und Fluchen. Dazu kommt ein Duft nach verbranntem Fett, der durch das undichte Fenster den Weg zu meiner Nase findet. Ach ja, wie romantisch: Großstadtflair. Wäre es nur nicht um sechs Uhr morgens. Wir Deutsche sind in der Gunst der Grande Nation stark gesunken. Das sieht man nirgends besser als am Fernsehen. Es gibt nur drei deutsche Programme: ZDF, 3Sat und KIKA (!). Bedeutend ist, dass das ZDF erst auf Kanal 29 startet, hinter Al Jasira, vier russischen Sendern, sieben Englischen, zwei Italienischen und einem Israelischen! Der Rest verbreitet französische Werbebotschaften. Das Zappen, um wenigstens Frühstücksfernsehen zu genießen, strapaziert die Batterien gewaltig. Ich habe den Beweis, dass in Paris die Uhren wirklich anders gehen. Auf meinem Handy ist es 7.30. Auf dem Fernsehapparat 7.40, auf dem Nachttisch 7.23 und im Aufzug (auch dort gibt es eine digitale Anzeige) gar 8.10 Uhr. (Allerdings am 24. Mai 2024!) Ich verlasse mich auf meine Armbanduhr, die geht exakt 4 Minuten vor. Manchmal vergesse ich das und bin deshalb pünktlich. So auch heute Morgen. Ich habe genau diese Zeitspanne lang überlegt, ob ich die Treppen nutzen soll oder doch den Fahrstuhl. Ich entscheide mich dafür, Spaß zu haben und meine Nerven kitzeln zu lassen. Ich beschließe, den Lift über die Stockwerke zu hetzen. Doch leider sackt er wie üblich in Zeitlupe nach unten und ich komme wohlbehalten im Foyer an. Es waren auch keine Japaner in der Nähe. Mist. Wer frühmorgens durch die Boulevards von Paris flaniert, weiß, warum Parfüm hier erfunden wurde. Seltsamerweise sprühen sie es an sich anstatt auf die Straße. Früher wurden sogar die Metro-Stationen parfümiert. Diese Tradition hat sich bis heute bewahrt, jedoch mit einer herberen Duftnote. Dennoch verwundert dieses Aroma in jeder Ecke, denn Paris ist an und für sich sauber. Vor dem Hotel beispielsweise spülen jeden Morgen die fleißigen Männer von der Straßenreinigung mit Hochdruckdüsen und Wasserwerfer vom Bürgersteig alles weg auf die Fahrbahn, wo eine gewaltige Kehrmaschine den Dreck aufsaugt. Wirklich alles. Ich beobachte, wie ein dunkelhäutiger Angestellter mit einer Sonnebrille (es regnet leicht und es ist nicht wirklich hell), mit zwei weißen Stöpseln im Ohr und einer schrillen Stimme singend, einen Blumenstand, zwei Hunde und einen Clochard vom Trottoir wegfegt. Der Riesenstaubsauger nuckelt am Boden und zieht die Plastikblumen schmatzend in seinen gelben Tank. Die Hunde und der Bettler können rechtzeitig fliehen, sein Schild allerdings wurde Opfer dieser Attacke. Das scheint ihn nicht zu bekümmern, aus dem Anzug greift er einfach ein neues Pappschild mit seiner Leidensgeschichte in einem Wort und drei Buchstaben (Aide s.v.p.) und setzt sich gemütlich dorthin, wo einst vergessene bunte Blümchen eines Souvenirladens die Boulevardkante säumten. Einst einsfuffzig pro Stiel mit echt wirkender Textilrose. Die Straßenreinigung biegt rechts in eine Seitengasse ein. Ich warte ab, ob sie auch die Autos so entsorgen, aber der Kehrwagen ist nicht groß genug. Er fährt mitten auf der Gegenspur, trotz wütendem Gehupe und der Müllmann spritzt alles unter die parkenden Karossen. Praktisch. Zum Mittagessen wünschen die Kollegen, typisch französisch in einem Bistro zu speisen. Angebot der Saison sind Weinbergschnecken. Ich finde, man kann so viel Knoblauch drüber streichen, wie man will, eine Schnecke bleibt eine fette Made mit einer Muschel auf dem Buckel (Anm: Quelle unbekannt, wer es weiß, bitte mir schreiben, aber: dieser Satz ist nicht von mir, darauf lege ich Wert. Er passt aber so schön. Drum bleibt er drin, jawoll!). So entferne ich mich von dem Pulk und streife auf eigene Faust durch die Straßen. Ein Big Mac tut es auch. Ich zwinge mich, nicht an Ungeziefer zu denken, das an Salaten frisst. Ich bin doch kein Igel und würge den Fleischklops hinunter. Bilder von gerodeten Urwäldern in Brasilien drängen sich in meinen Kopf und verhindern erfolgreich, mir einen zweiten Burger zu kaufen. Das klappt immer. Unter einem Baugerüst, dessen Stangen mit dicken Schaumstoffkissen gepolstert sind, entdecke ich unerwartet ein Postamt. Das ist die Gelegenheit. Immerhin wollte ich heute sowieso an meine Lieben zu Hause Ansichtskarten schreiben. Dummerweise hat kein Kiosk passende Briefmarken. Das ist kein Problem, schließlich stehe ich vor einem der unzähligen Postämter. Und die französischen stehen nicht im Ruf, der modernen Zeit hinterherzuhinken. Also dann mal rein. Briefmarken? Fehlanzeige. „Das funktioniert bei uns alles über diese Maschinen!“ Ich wunderte mich auch schon, wieso niemand an den drei Serviceschaltern steht, sondern alle an diesen Geldautomaten. Die Damen hinter den Tresen unterhalten sich nett. Die Kunden verzweifeln ob der interaktiven Technik. Mit Hilfe von berührungsempfindlichen Bildschirmen kann der Postkunde hier so ziemlich alles regeln, nur keine Briefmarken erwerben. Ich stelle mich in die Reihe. Vor mir ist ein älterer Herr. Er kommt mit dem Automat nicht zurecht, er tippt darauf herum, aber nichts klappt. Eine aufgebrachte Dame hinter mir murrt und motzt so laut, dass eine andere aufgebrachte Dame sich hinter dem Schalter aufrichtet und nach dem Rechten sieht. Nachdem sie ihre Zigarette in den Aschenbecher unter dem Rauchverbotsschild ausgedrückt hat, stakelt sie auf betont hohen Absätzen besonders laut daher. „Monsieur?“, fragt sie und legt sogleich ein Lächeln an den Tag, dass jeder Eisbär seinen Pelz freiwillig auszieht. Ja charmant sind sie, die Französinnen, das muss man ihnen lassen. Der Herr versucht einen Brief zu versenden, aber er weiß nicht, wie. Die Dame lächelt immer noch und drückt auf ungefähr 84 virtuelle Knöpfe, um den Computer zurück auf Ausgangsstellung zu bringen. „Zuerst wählen Sie Ihren Umschlag.“ „Ich habe keinen Umschlag, ich habe eine Postkarte.“ „Dann wählen Sie Umschlag 1.“ „Aber ich will keinen Envelope. Das ist eine Postkarte, verdammt.“ „Schon gut. Und wohin?“ „Zu meinem Sohn“ Die Dame zuckt. Falsche Frage, richtige Antwort. Sie überlegt scharf und fragt: „Und wo wohnt ihr Sohn?“ „Keine Ahnung.“ „Wie?“ „Was weiß ich, wo der wohnt.“ Erneut ist die Auskunft korrekt, nur die Frage etwas unpräzise. Und so kommt auch die erfahrene Fachkraft endlich auf die richtige Spur: „Wo soll denn die Karte hingehen?“ Den Ort habe ich nicht verstanden. Er ist so lang, dass für einen Gruß auf der Karte kaum noch Platz bleibt. „Wo liegt das?“, hakt die Spezialistin für Computerwissenschaft nach. „In Frankreich.“ Monsieur ist verdutzt und blickt finster drein. Er fühlt sich vorgeführt und ehrlich, ein bisschen was davon hat es auch. „Pardon!“, mischt sich ein freundlicher junger Bursche ein. „Aber diese Stadt liegt in Belgien!“ „In Belgien? Seit wann das? Das war doch immer Frankreich!“ „Vielleicht seit dem Ende des Ersten Weltkrieges“, sage ich und lächele nicht minder charmant. „So was, wie schnell sich die Zeiten ändern“, brummt er. „Also Belgien“, sagte die Dame und drückt auf einen Knopf. Nun erscheint auf der einen Seite der Umriss Frankreichs und auf rechten Hälfte der aller übrig gebliebenen europäischen Länder auf dem Monitor. Natürlich stark verkleinert. Schließlich ist Frankreich die Grande Nation und nicht der Rest. Die Konturen der Staaten sind auseinandergerissen und nicht ganz so, wie wir es vom Atlas her kennen. Wir suchen Belgien, aber niemand hat eine Vorstellung, wie das Land aussieht, wenn alles nur grün ist. Wir treffen Albanien und die Schweiz, Dänemark und Irland. Europa ist verzerrt. Jeder beteiligt sich am lustigen Ratequiz, aber keiner findet Belgien. Offenbar ist es zu unbedeutend, als dass man von Paris aus Postkarten dahin schickt, anders als beispielsweise Liechtenstein oder Andorra. Zwischenzeitlich erfahre ich die Lebensgeschichte seines Sohnes, der in Südamerika Pipelines baut und nun bei den Eltern seiner künftigen Frau in diesem Ort (dessen Name immer länger wird) zu Besuch ist. Monsieur möchte ihn gerne zu seinem Geburtstag einladen. Monsieur wird 90 und war Soldat in allen glorreichen Weltkriegen der Nation. Er kam immer als Sieger heim. Aus Deutschland (Häh?) Korea, Afrika? Ich überlege, wenn dieser freundliche Herr 90 wird, wie alt mag sein Sohn sein, der heiratet? Inzwischen geht das muntere Landkartenraten weiter. Dank beharrlichen Probierens finden wir den Umriss doch noch. Jeder war mal dran und ich denke, dass ich die Grenzen von Lettland nun auch genauer kenne. Jetzt geht es weiter: Express oder kein Express, über Nacht oder doch lieber die üblichen 2 Jahre normale Laufzeit zum selben Preis? Seltsamerweise fragt das Terminal nun nach dem Gewicht des Pakets. Offenbar hat die Dame einen falschen Knopf gedrückt. Sie lächelt nun nicht mehr so charmant und vermisst ihre Zigarette. So verzieht sie jedenfalls die Mundwinkel und saugt an Nichts. Knurrend beginnt sie von vorne. Schließlich ist sie so weit und der Herr kann angeben, wie viele Postkarten er nach Belgien versenden will. „Eine“ murmelt er und denkt schon darüber nach, den Zug zu nehmen und sie selbst zu überbringen. „Bitte stecken Sie ihre EC Karte in das Terminal, da zurzeit eine Barzahlung nicht möglich ist“, meldet das hypermoderne System in fröhlichem Weiß auf dunklem Blau. Der Mann blickt verwirrt tut aber, wie ihm geheißen. Während er seine Karte in den Schlitz steckt, meint die Dame, er solle auf dem übergroßen Taschenrechnerdisplay die Eins tippen. Monsieur ist, wie wir wissen, 90, geschätzte 110 und zittert ein wenig auf dem Bildschirm. Der Computer möchte gerne einen 5-stelligen Betrag für 111,111 Postkarten nach Belgien haben und gibt sogleich zu bedenken, dass er so viele Briefmarken gar nicht hat, man möge doch bitte warten, biss die in diesen Sekunden alarmierte Zentrale mit einem Panzerwagen vorbeikommt. Ich verschwinde, ehe Monsieur bemerkt, dass sein Konto in diesen Augenblick um 50.000 Euro belastet ist. Über dem armenlosen Banditen prangert ein Schild: „Gewinnen Sie Zeit mit unseren neuen Automaten!“ Ich habe viel Zeit gewonnen, denn ich muss keine Ansichtskarten schreiben. Ich suche den Weg zurück zum Büro und muss entdecken, dass in Paris alle Straßen gleich aussehen. Die Häuser sind genau 5 Etagen hoch und haben ein abgerundetes Blechdach. Ihre Steinfassade ist gelblich bis schmutzig grau. Überall sind kleine Winkel versteckt, aber die Orientierung fällt schwer. Die Motorräder sind dieselben schwarzen Typen, alle Autos verbeult (an denselben Stellen) und sogar der Müll, der sich vor den Eingängen stapelt, sieht identisch aus. Unten ein Karton, darauf ein schwarzer Nylonsack, aus dem etwas tropft und obenauf ein stets aufgeplatzter blauer Sack. Meist liegen sie so, dass man als Fußgänger auf die Straße ausweichen muss, weil ein Durchkommen zwischen Müll und geparkten Wagen nicht möglich ist. Vielleicht gehören die Autos auch zum Müll. Sogar die Menschen sehen gleich aus. Bis auf deutsche Touristen, weil irgendein Fußballverein gegen Paris St. Germain unentschieden spielen wird. Heute Abend besser nicht in die Stadt gehen. Mit einem Vorurteil muss ich aber gründlich aufräumen. Immer noch denken wir, dass man in Paris beim Parken keine Handbremse anziehen darf, damit man weitergeschoben werden kann, wenn die Lücke zu eng sein sollte. Alle geparkten Autos hier haben ihre Handbremse angezogen, oder die Bremsen sind kaputt. Morgen ist dann der letzte Tag und es geht heim. (Das heißt eigentlich bin ich ja schon sicher zu hause gelandet, aber ich muss es halt noch schreiben. Und glaubt mir, es geht noch was.)
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