Travelling with Jonathan Jonathan Philippi Autor Paris 2010 November Startseite Bücher Galerie Travelling with Jonathan Kontakt Blog Über mich Links Termine
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Die Metropole der Grande Nation (1)

Hochgeschwindigkeit und Stromausfall Hallo meine Freunde, diesmal berichte ich vom Geschehen in Paris. Der Stadt der Herzen, der Liebe und leider auch der Pariser. Und genau da bin ich: mitten im Herzinfarkt der Französischen Republik. An der Spitze des Boulevard Hausmann und Boulevard des Italians, in einem Gebäude, in dem unten ein ROFU- Kinderland der Superlative alle Weihnachtswünsche für goldene, platinfarbene und schwarze Kreditkarten erfüllt und über einem der vielen Milliarden Straßencafés, genannt: Der Kardinal. Aber eins nach dem anderen. Zunächst die Anreise. Alldieweil ich auf dem zugigen Bahnsteig in den ICE steige, erhalte ich meine erste Überraschung. Ein freundlicher Herr mit dem Zeichen der Deutschen Bahn auf einem warmem Pulli fragt mich, nachdem er zugesehen hat, wie ich über mehrere Koffer im Gang stolpere und mich abmühe, mein Gepäck in der Ablage über dem Sitz zu platzieren, ob ich in Saarbrücken zugestiegen sei. Ich bejahe höflich und werde mit einem kostenlosen Frühstück belohnt: Brötchen (auf Wunsch auch Croissants), Marmelade, Butter, Joghurt, Orangensaft, Kaffee aus der Thermoskanne und viel Käse. Alles in Plastik verpackt, verschweißt, zugeklebt, eingewickelt und zermanscht. Da kommt sofort Ferienfliegerstimmung auf. Dort sieht es ähnlich aus, nur die Tische sind im Flugzeug größer als im ICE. Die Fahrt geht dann rasch vorbei, kein Wunder, bei 320 Kilometer pro Stunde. Der Zug brettert auf den gallischen Hochgeschwindigkeitsgleisen, wie die Bahn sie auch gerne ab Stuttgart hätte, damit die Welt endlich 10 Minuten schneller nach Ulm gelangen kann, um von dort gemütlich nach München weiterzutuckern. Nur, diese Schienen sind, sagen wir mal, offenbar innerhalb gewisser großzügiger Toleranzen verlegt worden. Es geht also auf und ab, kreuz und quer, rauf und runter. An ein lustiges Arbeiten am PC ist nicht zu denken. Auch gut. Übrigens, schon mal bei 335 km/h auf’m Klo gewesen? In einem Zug auf französischen Gleisen? Voll krass, äih. Jedenfalls kommen wir pünktlich in Paris Gare de L’Est an. Ein schmucker Kopfbahnhof, typisch französisch halt. Draußen vor dem Taxistand staut sich die Reihe auf gute fünfzig Meter. Und zwar Passagiere. Taxis sind keine da. Das heißt dort, wo Schirme und Gepäck fliegen, prügeln sich ungeduldige Passanten um das einzig verfügbare Fahrzeug. Das aber ist voluminös und kann auf seiner Rückbank locker 14 Fahrgäste aufnehmen. Die Koffer stellt der Fahrer neben alle anderen auf dem Bürgersteig, die zurückgelassen werden müssen, weil in den Taxis dafür kein Platz mehr ist. Aber noch bin ich jung, noch geht das. Also runter auf dem Boulevard Strassbourg marschiert, rein auf die Ave. Montmartre. Mitten in Paris, wie gesagt. Auf dem Weg passiere ich den afrikanischen Teil der Stadt. Neben zahllosen schwarzen Friseuren mit endlosen Warteschlangen von schneidewilligen schwarzen Menschen gibt es noch traditionelle Schwarze Kunst und schwarze Restaurants. Mit dem Trolley auf vier Rädern bahne ich mir im Slalom einen Weg um die unbeweglichen, rauchenden schwarzen Männer und schwarzen Frauen, die sich lachend und gestikulierend in einer mir völlig fremden schwarzen Sprache unterhalten. Schon nach 20 Minuten komme ich bei meinem Kunden an. Im Foyer warte ich dann 25 Minuten, bis man mich hereinlässt. Der Tag vergeht schnell und schon ist es Abend. Wieder ein kleiner Fußmarsch mit Gepäck zum Hotel, schlappe 15 Minuten. Ein Taxi hätte ich am Morgen spätestens um acht Uhr vorbestellen müssen. Die Metro braucht 35 Minuten, weil man dreimal umsteigen muss. Seltsamer weise scheint die Pariser U-Bahn gewisse Viertel zum umkreisen, statt sie zu durchqueren. Aber egal. Ein feudales, uraltes Hotel aus der Römerzeit direkt am Louvre und den Gärten der Tuilerien belohnen mich. Die sind übrigens abends abgeschlossen (Die Gärten der Tuilerien, nicht die Hotels). Man mache sich das klar: Ein Park von der Größe einer Kleinstadt wird jeden Abend zugesperrt. Die gute Nachricht des Tages kommt von der Rezeption. Anstelle der dunklen, primitiven Kämmerlein zu den Konditionen meines Unternehmens erhielt ich ein Upgrade auf ein Superior Suite. Kostenlos, wie man versicherte (die Nacht ohne Frühstück für nur 155 Euro, im November!). Für die Rate meiner Firma gibt es scheinbar überhaupt kein richtiges Zimmer. Und dann die Überraschung: groß ist das Appartment, mit einem vornehm knarrenden Fußboden. Wie zu Zeiten Napoleons, offenbar auch genau dann angelegt. Doch leider knarrt es nicht nur in meinem Gemach, sondern auch darüber, daneben und im Flur. Vor allem im Flur! Dennoch: alles gut soweit. Ein Elektroofen heizt ein wenig ein und macht es gemütlich. Es gibt 27 Steckdosen in den Wänden. Das ist wichtig und hat seinen guten Grund, denn nur auf Dreien ist Saft. Außerdem haben sie einen hässlichen Stahlstift, der böse herausragt. Ich stelle erstaunt fest, dass alle Stecker, die ich dabei habe, tatsächlich ein Loch haben, um diesen Stift zu versenken. (Seht mal nach, ob eure Stecker das auch haben, sonst: Bloß nicht hierher fahren.) Dass die toten Steckdosen eine besondere Bewandtnis haben, erlebe ich kurz darauf. Um 2.20 Uhr wache ich auf. Es ist bitterkalt. Kein Licht, alles Dunkel, kein Strom, nirgends. Nicht mal auf dem Telefon. Mit dem Handy rufe ich um Hilfe. Die Dame an der Rezeption meinte, ich sei nicht er einzige und soll aufhören zu flennen. So etwas erträgt man in Paris gefälligst wie ein Mann. Für den Fall, dass der Techniker morgen irgendwann im Laufe des Tages zufällig auftauchen sollte, schreibe sie ihm einen Zettel. „Wie war Ihre Nummer? 312?“ „Nein, 411.“ „Ah ja, 312, danke.“ „NEIN! Vier eins eins!“ „Ich habe es schon verstanden.“ „Vier eins eins!“, sage ich auf Französisch. „312. Okay, schlafen sie gut.“ Tüüüüüüüüüüüüüüüt. Der Flur ist stockdunkel. Überall rennen verängstige Menschen, die in allen Sprachen fluchen, die man sich vorstellen kann. Offenbar rotten sich genau jetzt einige finstere Gestalten genau vor meiner Tür zusammen, um den Franzmann das zurückzugeben, was sie uns die ganze Zeit zumuten: ein Streik. Aber der ist schnell vorbei. Ich suche meine Taschenlampe und ertaste sie in den Tiefen meines Koffers. Mit einer Kurbel erzeuge ich Strom für den Akku der Lampe und sitze nachts um halb drei kurbelnd auf dem Klo. Zurück im Bett mummele ich mich in den Bademantel und eine Wolldecke sowie das große Handtuch aus dem Badezimmer ein. Und um sieben muss ich noch mal. Es ist wie Tinte im Bad. Ich sehe nichts. An Duschen ist nicht zu denken, aber es gibt eine Badewanne. Ich lasse heißes Wasser einfließen und setzte mich hinein. Nun gut, Franzosen sind etwas kleiner als ich und womöglich schmäler. Ich stoße oben, hinten, unten und vorne an. Dann tauche ich ab und merke, dass ein gemeiner Mensch den Boden der Wanne mit Sandpapier beklebt hat. Ich wasche mich nicht, ich rubbele mich sauber. Hoffentlich überall. Langsam wird es hell. Das Licht eines neues Tages lacht mich durch den kargen Innenhof an. Ich packe meinen Koffer, denn ich werde das Zimmer wechseln. Genau da geht das Licht an. Nun brennt es an allen Orten. Ich wundere mich, an welchen Stellen Schalter versteckt sind und lasse meiner Freude darüber jeden erkennen, in dem ich die Glühbirnen brennen lasse (jawohl: Glühbirnen, keine Energiesparlampen). Außerdem würde das Aufspüren der letzten Knipser meinen Biorhythmus völlig durcheinanderbringen. Nun also los, mal sehen, was der Tag noch so bringt.
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