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© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Das Geheimnis der dunklen Baracke

Das Abenteuer ist lange nicht zu Ende

Wie ein Dieb sah Steven sich zwischen den Regalen um. Er fühlte sich nicht wohl. Was machte er hier? Suchend ließ er seine Blicke über die Ware streifen und duckte sich blitzschnell, als er eine ältere Frau entdeckte, die einen Lippenstift in ihr Einkaufskörbchen legte. Was zum Teufel war denn dabei, cool zuzugreifen und an die Kasse zu gehen, auch wenn seine Knie schlotterten und er beinahe eingeknickt wäre. Okay, dachte er. Dann halt ein andermal. Gerade wollte er die Schachtel zurückstellen, als er überrascht wurde: „Hey, guten Morgen Steven.“ „Oh, hi Vally. Wie geht‘s?“ Schnell hatte er sich an den amerikanischen Gruß gewöhnt: Man fragte, erwartete aber keine Antwort. „Super, ich habe diese Nacht mal richtig gut geschlafen. Heute früh habe ich Gymnastik gemacht. Deshalb habe ich beim Frühstück ausnahmsweise zugeschlagen wie eine hungrige Bärin, mir geht‘s blendend. Und dir?“ Verwirrt blickte er das Mädchen aus seiner Klasse an. Mit diesen ausführlichen Erläuterungen hatte er nicht gerechnet. „Okay! Danke. Ganz gut“, gab er knapp zurück. „Hm, ‚Old Shepard‘, Aftershave, schwerer Duft, ist Moschus drin, nicht wirklich das Beste. Du rasierst dich?“ „Also, äh ...“ Hoffentlich bemerkte Valentine nicht, dass er rot anlief. Das war haargenau der Mega-GAU: Valentine ertappte ihn, wie er sich Rasierwasser aussuchte. Von einem Bartwuchs war allerdings weder etwas zu sehen noch zu ertasten, was niemand zu wissen brauchte. Und jetzt, wo sie ihn darauf ansprach, würde es bald die ganze Schule erfahren. Boah! Schon mitgekriegt? Steven Seidel entfernt erste Bartstoppeln von seinem 14-jährigen Kinn. In Wahrheit mochte er den Duft, auch wenn er noch keine Rasur benötigte. Genau darum war er in den einzigen Drugstore von Mary Island gekommen, der Valentines Eltern gehörte, da genügte es bereits, wenn Herman Wellmill ihn kannte. Eine Begegnung mit seiner Klassenkameradin hatte er zwar befürchtet, jedoch gehofft, es vermeiden zu können. In ihrem weißen Kittel stand sie vor ihm und zerrte lächelnd an der Schachtel in seinen Fingern. Er klammerte, sodass sie heftig ziehen musste, bis er schließlich nachgab. „Okay, lass mal fühlen.“ Ehe Steven sich versah, strich sie sanft mit den Fingerkuppen um sein Kinn. „Ich verstehe, nicht für den Bart. Hier, nimm das, das brennt nicht so und ist sehr hygienisch.“ Mit ernster Miene drückte sie ihm eine Plastikflasche in die Hand. „Intimrasur?“ Entsetzt starrte er auf die Beschreibung und glaubte, sich verlesen zu haben. „Ja klar!“, gab sie zurück, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. „Vally, ich rasiere mich nicht ... da unten.“ „Wo denn sonst? Also für deinen Bart ist es jedenfalls nicht. Ah, kapiert! Ein Geschenk für deinen Dad.“ „Nein, das ist für mich. Muss ich mich rasieren, wenn ich mal ordentlich riechen will?“ Valentine glotzte ihn an, weshalb er rasch besänftigend nachschob: „Der Gestank nach Seetang und Salzwasser und dann noch die Tiere auf unserer Farm … ich möchte nicht stinken, wenn ich ausgehe.“ Steven verschwieg lieber, dass er in letzter Zeit stark schwitzte und seine Bettdecke jeden Morgen auswringen könnte. Valentine lächelte: „Mensch Steven. Sag das doch gleich. Herrenparfüm. Komm mal mit.“ Valentine führte ihn durch den halben Drugstore. Vor einem Regal mit Kosmetikartikeln für Männer hielt sie inne und überlegte. „Mal sehen, wie wäre es damit? Nein, das ist zu würzig, oder besser das? Ich mag zwar diesen Duft, aber ich befürchte, Dana nicht so. Hm, eher das da? Oder das. Ja, das wäre was.“ „Dana?“ Vor Staunen bekam er seinen Mund nicht mehr zu. Wozu brachte sie Dana ins Spiel? Was sollte denn das? Er wollte es für sich, nicht für Dana, die sowieso vorgab, Parfüms nicht zu mögen, und überhaupt: Steven und Mädchen! „Ja! Oder das? Das ist voll krass und das würde zu dir passen. Moment! Ich hole einen Probezerstäuber.“ Ohne ihn zu fragen, sprühte sie ihm eine Duftwolke an den Ansatz seines verschwitzten T-Shirts. Sie schnupperte nahe an seinem Hals und verkündete mit Kennermiene: „Ja. Das passt. Ist auch nicht so teuer und gefällt Dana bestimmt total!“ „Okay.“ Das war schiefgegangen. Jetzt musste er hier nur noch lebend rauskommen. „Wenn du meinst.“ „Das riecht klasse, glaub mir. Außerdem ist kein Moschus drin. Es ist total sanft zur Haut. Wenn du dich rasierst, solltest du ein Aftershave verwenden, das hat mehr Alkoholanteil zur Desinfektion der gereizten Haut. Nass oder trocken? Ach, egal. Ich kann dir ein paar empfehlen, wenn es so weit ist. Einige sind sehr gut getestet worden und recht preiswert.“ „Ach Vally, na gut. Was kostet es?“ „15 Dollar, ähm, ich kann dir einen Sonderpreis machen. Bei dem hier ist der Karton kaputt und die Flasche hat einen Kratzer, ist aber originalverpackt und total einwandfrei. Fünf Dollar Rabatt sind okay, denke ich.“ „Das ist … total … freundlich, danke schön“, äffte er Valentines Lieblingswort nach, aber sie bemerkte es nicht. „Sonst noch was?“ „Nein, ansonsten bin ich wunschlos total glücklich.“ „Okay. Cash oder Kreditkarte?“ „Bar.“ Ehe Steven sich versah, hatte sie ihm den halben Zerstäuber übergesprüht und geleitete ihn an die Kasse. Er trottete hinter ihr her und wedelte mit den Armen, um den Duft zu vertreiben, doch es war vergebens. „Hi Dad. Steven will ‚Peninsula Sunrise‘ kaufen, das mit der zerknautschten Schachtel, ich habe gesagt, zehn Dollar, geht das in Ordnung?“ „Hallo Steven, wie geht es, alles klar?“ „Bestens, Sir. Und bei Ihnen?“ „Zehn Dollar, bitte.“ Mr. Wellmill war auf die Frage, wie es ihm ginge, nicht eingegangen, somit rückte er Stevens Weltbild der ewig fragenden Amis wieder zurecht. Steven legte das Geld auf den Tresen und erhielt eine Plastiktüte. „Das ist ein erstklassiger Duft, er wird dir stehen“, versprach Valentines Vater. Bimmelnd schloss sich die Kassenlade. „Was machst du heute noch so, Vally?“, fragte Steven. „Ich habe noch Salben auszupacken.“ „Verstehe. Julie hat gefragt, ob du mal mit ihr ausreiten möchtest.“ „Echt?“ „Ja.“ „Gerne. Ich ... ich melde mich, okay?“ Das war ein glatter Rauswurf. Täuschte sich Steven oder lief sie knallrot an? Schimmerte da gar eine Träne in ihrem Auge? Das musste an der Klimaanlage liegen. Zufrieden pfeifend verließ er den Drugstore und schlenderte zur Marina, wo er sein Fahrrad an einem Pfosten festgekettet hatte. „Intimrasur!“, murmelte er auf dem Weg zum Hafen und schüttelte angewidert den Kopf. „Was denkt die von mir?“ Neben dem Laden der Wellmills erstreckte sich ein schmaler Parkplatz. Eine hohe, undurchdringliche Hecke grenzte die Fläche zum Nachbargebäude ab, in dem übermorgen ein neuer Modemarkt eröffnet werden sollte. Noch waren Bauarbeiter damit beschäftigt, letzte Hand anzulegen. Zwischen der Dornenhecke und der Mauer zum Geschäft lag ein enger Durchgang mit einem offenstehenden Tor. Neugierig lugte Steven hinein. Normalerweise war das übergroße Holztor verschlossen und verbarg jeden Blick. Ein seltsames Pfeifen klang aus dem Halbdunkel, gefolgt von einem Rasseln, das schließlich in ein Stöhnen überging. Vorsichtig näherte er sich. Als er im Gang stand, rief er: „Hallo? Ist da jemand? Alles in Ordnung?“ Erschrocken wirbelte er herum, als sich quietschend das Tor schloss. Hämisch grinsend baute sich Rouwe Kruger vor ihm auf. „Oh, der Nazi.“ „Was? Spinnst du? Lass mich raus.“ Vor lauter Schreck war ihm die Beschimpfung gar nicht aufgefallen, er fühlte sich nicht mehr als Deutscher, seit er seinen Namen ‚Steffen‘ abgelegt hatte. „Natürlich, das Tor wird sich wieder öffnen, wenn du so aussiehst, dass meine Vally dich nicht mehr anguckt.“ Stevens Körpertemperatur stieg schlagartig. Blut schoss in seinen Kopf. Sein Magen verkrampfte sich. Sein ärgster Feind hatte ihn gestellt.
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