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© Jonathan Philippi 2014
MAGIX

Ein Stück aus dem Paradies

Das Geheimnis des dritten Hügels

Willkommen auf Mary Island

Kurz vor Mitternacht wurde ihre Maschine doch noch aufgerufen. Müde schleppten sie sich an Bord eines Jets, der sie nach South Carolina bringen sollte. Sie schliefen den Rest des Fluges. Zur ungnädigen Zeit von 2 Uhr 30 morgens landeten sie in Charleston. Es waren wenige Passagiere an Bord und sie erhielten rasch ihr Gepäck. Als sie aus dem Ankunftsbereich in die leere Halle kamen, wartete einsam eine große Frau mit blonden Haaren auf sie. Steffen ahnte sofort: Das musste Sally sein, Papas Freundin! Strähnen ihres offenen Haars bedeckten ihr Gesicht und er sah deutlich, dass sie total müde war. Sie trug Jeans und dazu ein blau-weiß-rot kariertes Hemd. Samuel steuerte den Gepäckwagen zu ihr hin. "Hallo Sally", begrüßte er sie leise und küsste sie zärtlich auf den Mund. "Welcome back!", sagte sie und fragte nach dem Flug und der Reise. Ihr Vater antwortete kurz. Seinem kleinen Bruder Justus fiel es schwer, dem Gespräch zu folgen, da sein Vater und auch seine Geschwister jetzt Englisch redeten. Steffen und Julia übersetzten, was immer sie konnten. Doch zur Begrüßung von Sally brauchte es das nicht. Sie umarmte Julia und deutete Küsse auf beide Wangen an. "Hello Julia", sagte sie. Steffen stockte. Was war das eben? Dschulia? Sally sprach ihren Namen amerikanisch aus. Anschließend war Steffen an der Reihe: "Hi! Welcome to the USA, Steven!" Er ahnte, dass er dieselbe Zeremonie zu überstehen hatte, und hielt die Luft an. Stocksteif stand er und empfing tapfer die Küsse ohne Gegenwehr. Dschulia? Stiewen? Wie sich das anhörte. Sallys Umarmung für ihn fiel lockerer aus als die für seine Schwester. Jetzt hauchte sie Justus den Willkommenskuss an beiden Wangen vorbei. "Hello, and you are Justus, right?" Er grinste verlegen. Auch sein Name klang exotisch: Dschastäss! Justus lief rot an, aber er sagte brav: "Hello!" Steffen wusste, dass Justus Küsse hasste, aber er war zu erschöpft, um sich zu wehren. Justus rieb über sein Gesicht, obwohl Sally ihn nicht berührt hatte. Sally nahm den zweiten Gepäckwagen von Steffen und die Geschwister folgten den Erwachsenen zum Ausgang. "Jeder muss uns für eine ganz normale Familie halten", flüsterte Steffen Julia zu. "So, wie wir das Gebäude verlassen." "Genau das habe ich auch gedacht." Auf dem Parkplatz stand ein großer Pick-up. Die Koffer wurden auf der offenen Ladefläche verstaut und festgeschnallt. Sally verfrachtete die Kids auf die Rückbank. Steffen fiel gleich der fremde Geruch auf. Es roch intensiv scharf nach Undefinierbarem. Die Luft war warm, selbst am frühen Morgen. Orangefarbene Lampen versuchten, der Finsternis zu trotzen. Er konnte aber kaum etwas erkennen, außer grellbunten Leuchtreklamen an der Straßenseite. Steffen schlief ein, bevor Sally auf den Highway Richtung Osten zum Atlantik eingebogen war. Es dauerte noch mehr als eine Stunde, ehe sie die große Brücke zu Mary Island überquerten und der Wagen die Auffahrt zur Ranch hinter sich gelassen hatte. Völlig übermüdet kamen sie auf der Farm an. Sally schickte Sam sofort ins Bett und zeigte den todmüden Kindern die Zimmer. Steffen half ihr, das Gepäck ins Haus zu tragen. Sally bedankte sich. Es roch anders als am Flughafen. Tiefe Schwärze herrschte um ihn. Er sah nicht mehr, wo sie hergekommen waren. In seinem Raum lud ihn ein breites Bett ein. Er zog sich aus und schlüpfte in Unterwäsche unter die Decke. Steffen fand weder Ruhe noch Schlaf, stattdessen wälzte er sich hin und her. "Das bringt doch nichts!", sagte er und sah auf seiner Armbanduhr, dass es in Saarbrücken Mittag war. Er stand auf, streifte seine Jeans über und begann, seine Koffer auszupacken. In einem waren seine drei ferngelenkten Boote. Zwei mit Elektromotor und eines mit Benzin. In der Tasche lag ein Zettel: "Aus Sicherheitsgründen wurde ihr Gepäckstück geöffnet und untersucht." Er las es zweimal. Auf dem Formular war angekreuzt: "Keine Beanstandung", und handschriftlich: "Ware eindeutig gebraucht und als Spielzeug deklariert." Er schüttelte den Kopf. Falls etwas dabei kaputt gegangen sei, bedauere man dies und er könne sich an den Zoll in Frankfurt unter folgender Vorgangsnummer melden. Er stellte die Schiffe auf den Boden. Es war nicht leicht, das einzupacken, was er mitnehmen wollte. Zuerst passte nichts mehr in die großen Sporttaschen, tags darauf waren sie leer. Bücher? CDs? Videospiele? Die Entscheidung, was er zurücklassen musste, fiel ihm schwer. Seine Playstation sowie die Rennboote mussten mit. Julias Freundin Jasmin verstand nicht, wieso er sie nicht weggeworfen oder verschenkt hatte. Aber er hatte dafür gearbeitet, Besorgungen erledigt und den Rasen des Mietshauses gemäht. Jeden Cent steckte er in die Boote, die er auf einem Flohmarkt ergatterte. Nun warteten sie auf dasselbe ungewisse Schicksal wie ihr Eigner. Auf dem Boden der Reisetasche lagen zwei kuschelige Igel und ein Teddybär. Sie sollten die Boote vor Stößen schützen, hatte er Jasmin und seiner Schwester erklärt. In Wahrheit wollte er sie nicht hergeben. Ob sie ihn an Deutschland erinnern würden? Aber das brauchte keiner zu wissen. Dazu gesellte sich Jasmins Abschiedsgeschenk: die Stoffschildkröte. Er setzte alle auf sein Bett. "Willkommen auf Mary Island!", sagte er zu ihnen. Steffen holte tief Luft. Eine Tasche war voll mit Kleidern. In eine andere hatte er Schuhe, Badesachen und seine Spielekonsole mit den Spielen und zwei weitere Plüschtiere gesteckt. Er hatte keine Bücher mitgenommen. Die wenigen CDs und DVDs hatte er alle Norbert gegeben, Jasmins Vater versprach, gut auf sie aufzupassen. Er rieb sich die Augen und schaute durch die Dunkelheit in die Ferne. Licht schimmerte über die Terrasse. Barfuß schlich er nach unten. Er spürte Durst, ein metallischer Geschmack legte sich auf seine Zunge. Die Terrassentür stand offen. Draußen fand er Julia in einem Korbsessel auf der Veranda, die auf in die Finsternis Richtung Atlantik starrte. Es war angenehm kühl und frisch und sie hatte eine dünne Weste über ihr Nachthemd angezogen. Sie massierte sich die bloßen Füße und blickte auf eine hauchdünne Linie am Horizont, die langsam heller wurde. Als er seine Hand auf ihre Schulter legte, reagierte sie zunächst nicht. "Na, Schwester, hättest du das gestern gedacht?" Sie griff nach seinen Fingern und strich mit der Wange über seine Hand. "Ich wünsche mir das schon seit zwei Jahren", sagte sie. "Und gestern wurde mir klar, wir schaffen das!" Er machte sich los und ließ sich in den Sessel daneben fallen. "Mir nicht, ich habe es bis eben nicht geglaubt. Ich habe gedöst und war nur kurz weg. Als ich aufgewacht bin, dachte ich zuerst: Wo bin ich, was für ein Tag ist heute und was geschieht als Nächstes? Ich konnte nicht richtig pennen. Scheiße! Wir sind um vier Uhr ins Bett und jetzt ist es gerade halb sieben." "Wir werden den Tag über verdammt müde sein", sagte sie. "Ja, aber ich glaube, wenn wir den Tag wach überstehen und am Abend spät ins Bett gehen und morgen in aller Frühe aufstehen, ist der Zeitunterschied schon vorbei, was denkst du?" "Zu Hause ist es kurz nach Mittag", entgegnete sie. "Falsch!", widersprach er. "Zu Hause ist es halb sieben. Dort", er zeigte auf das Festland, "ist es von mir aus Mitternacht, genauso wie es da", nun wies seine Hand zum Atlantik, "irgendwo schon halb eins ist. Aber zu Hause ist es dreißig Minuten nach sechs." Sie lächelte und rieb ihre Hand an ihrer Wange. "Ja, du hast recht." Hinter ihnen raschelte es. Sally stellte zwei dampfende Pötte auf den niedrigen Tisch vor die Kinder und fragte auf Amerikanisch: "Na, könnt ihr nicht schlafen? Kaffee?" "Nein danke!", wehrte Steffen ab. "Der ist koffeinfrei!", sagte sie. Steffen fiel auf, dass sie dieselben Kleider trug wie zur Begrüßung, allerdings hatte sie das Karohemd unordentlich in die Jeans gestopft. Sie kam nicht im Pyjama oder einem Nachthemd, so wie Julia. Die Geschwister sahen sie dankbar an und nippten daran. "Meinst du, sie hat Zucker?", fragte er. Julia antwortete: "Wir sollten kein Deutsch reden, wenn sie dabei ist." Sie fuhr auf Englisch fort: "Do you have milk and sugar, please?" "Oh yes, Sweetheart." Sally schüttelte ihr blondes Haar aus dem Gesicht und ging in die Küche. "Sie ist völlig übermüdet", sagte Steffen, "so, wie sie aussieht." "Aber sie ist für uns da." "Wahrscheinlich konnte sie auch nicht schlafen." Sally kam mit ihrer Tasse, Milch und Zuckerstückchen. Julia nahm einen Löffel und schaufelte sich drei Portionen in die Tasse. Steffen tat es ihr nach. "Schön ist es hier", sagte Julia. Steffen grinste, denn um ihn herrschte tiefste Finsternis. Ihm kam es vor, als säßen sie tausend Meter unter dem Meer und das U- Boot hinter ihm warf Licht aus den Fenstern, das sich nach wenigen Metern verlor. "Auf der anderen Seite kann man abends den Sonnenuntergang beobachten." Sally lehnte sich zurück und trank. "Wir werden heute Barbecue machen und Nachbarn einladen. Aber heute Mittag gehen wir zum Shopping, okay?" "Okay", sagte Steffen. "Was?" "Einkaufen", sagte Julia in Deutsch. "Ich weiß, was Shopping heißt, aber was wollen wir kaufen?", sagte er in Englisch. "Oh, ich bin mir sicher, ihr habt für diese Gegend keine richtigen Klamotten. Wir brauchen Hemden, Blusen, Hosen und ein Ballkleid." "Ballkleid? Wozu?", fragte Julia. "Am Wochenende findet ein großes Fest statt. Du wirst bestimmt eines der hübschesten Mädchen sein." Verlegen trank Julia einen Schluck. Steffen bemerkte, dass Sally den Kaffee nicht stark gekocht hatte, immerhin war er ja erst dreizehndreiviertel. Mit dem Zucker und der Milch schmeckte er ausgezeichnet. Steffen sah zum Horizont. Er hatte in einem alten Western auf der DVD-Sammlung von Norbert Müller gesehen, dass die Cowboys den Tag immer mit einem Kaffee begannen. Am Lagerfeuer glich es einem Ritual und mit dem Rest wurde das Feuer gelöscht. So fühlte er sich jetzt: wie ein Cowboy! Es war dunkel, aber bald würde es hell sein und er stand mit einer Tasse in der Hand und wartete auf den Sonnenaufgang. Das ist Amerika, das ist es, was ihm noch gefehlt hatte, dachte er. Er war angekommen. Er trank die Tasse mit einem Zug leer.
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